Stolpersteine in Kaiserslautern

Stolperstein-Initiative

Steinverlegung am 9. November 2017

Gunter Demnig hat 12 weitere Steine in Kaiserslautern verlegt.

In einer Gedenkfeier in die Pfalzbibliothek, Bismarckstraße 17 wurden die Schicksale der Opfer dargestellt.

Um 19.00 Uhr fand am Synagogenplatz die alljährliche Gedenkfeier der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) zur Pogromnacht 1938 statt.

NameStraßeOpfergruppeRecherchePaten
Oskar KnechtPollichstr.5homosexuellDr. Gerd MaurerBündnis 90/
Die Grünen
Heinrich WagnerLogenstr. 44unangepasstMichael WiesheuKornelia Weitmann
Philipp MeesPhilipp-Mees-PlatzpolitischArlene RöperSPD
Oskar BrillPhilippe HallerMarcel Divivier-Schulz
Adolf HöhnRuth u. Kurt Leppla
Rosalie FröhlichSchmiedstr.4jüdischDr. Andreas FröhlichDr. Andreas Fröhlich
Hedwig GeismannGeorg EmmeAdelheid Gerlach
Berthold ElbertSt.Martins-Platz4jüdischRoland Paul Stiftskirche Pfarrer Matthias Jochen Jung
Dr. Max Eugen Elbert
Joseph Richard Elbert
Wilhelm Otto DingesLändelstr.6unangepasstDr. Doris LaxProt. Lutherkirchen-gemeinde
Otto LatternerBirnstr. 12unangepasstMichael WiesheuPresbyterium Apostelkirche

Gedenkfeier am 8.September 2016

Die Opfer der NS-Zeit sollen nicht in Vergessenheit
geraten, sondern Teil unserer Geschichte bleiben.

Das haben die vielen Besucher der Gedenkfeier am 8.September 2016 durch Ihre Teilnahme zum Ausdruck gebracht. Herzlichen Dank!

Am Mittwoch, dem 7.September 2016 wurden Steine für die Familien Auerbach und Hené und für Ida Blum verlegt. Hier einige Bilder von der Verlegung.

Michal Erna Auerbach kommt nach 80 Jahren wieder an die Stelle, wo einst ihr Elternhaus stand
Michal Erna Auerbach kommt nach 80 Jahren wieder in die Kerststraße 22, wo einst ihr Elternhaus stand
Michal Erna Auerbach in Begleitung von Frau Krause-Nicolai
Michal Erna Auerbach in Begleitung von Frau Krause-Nicolai
Bernadette Künzel-Geiler trägt das Schicksal der Familie Auerbach vor.
Bernadette Künzel-Geiler trägt das Schicksal der Familie Auerbach vor
Gunter Demnig, der Begründer der Stolpersteine, verlegt vier Steine für die Familie Hené
Gunter Demnig, der Begründer der Stolpersteine, verlegt vier Steine für die Familie Hené
Georg Emme verliest das Schicksal von Ida Blum bei der Verlegung des Stolpersteins
Georg Emme verliest das Schicksal von Ida Blum bei der Verlegung des Stolpersteins in der Klosterstraße 7
Michael Leiserowitz, Shiri und Adin Laor, Angehörige der Familie Hené, beim Vortrag des Schicksals
ihrer Familie durch Bernadette Künzel-Geiler
Michael Leiserowitz, Shiri und Adin Laor, Angehörige der Familie Hené (v.l.n.r. vor dem Auto), beim Vortrag des Schicksals ihrer Familie durch Bernadette Künzel-Geiler
Adin Laor fotografiert die für seine Familie verlegten Stolpersteine
Adin Laor fotografiert die für seine Familie in der Steinstraße 21 verlegten Stolpersteine

Aarmes Schneewittche - das Schicksal jüdischer Kinder während des Nationalsozialismus – eine Matinee der Stolperstein-Initiative Kaiserslautern am Hohenstaufen-Gymnasium

Nele Sommer, Schauspielerin am Pfalztheater Kaiserlautern, steht am Morgen des 10. Juli 2016 plötzlich in der Aula des Hohenstaufen-Gymnasiums vor einer gut geputzten altmodischen Tafel. Sie stellt sich den zahlreichen Anwesenden vor, sagt, dass sie sich intensiv mit Anne Frank beschäftigt habe, erzählt aus dem Leben der Franks, beschreibt den Moment, als sie sich im Hinterhaus der eigenen Firma verstecken müssen, hoffen, eine falsche Fährte gelegt zu haben, die an ihre Auswanderung glauben lässt, um mit jedem weiteren Satz immer mehr vergessen zu machen, dass sie nicht Anne ist. Sie regt sich auf, dass die Erwachsenen nichts an ihr gelten lassen. Sie ist der unerzogene Mittelpunkt einer Versteckerfamilie. Aber wie sollte sie es auch mit Herrn Dussel, dem Zahnarzt, in einem Zimmer aushalten, diesem Prediger und großen Petzer dazu? Wohin mit ihrer Wissbegierde, mit dem erwachenden Interesse am anderen Geschlecht, mit ihrer Willensstärke, die sie sich fragen lässt, weshalb Menschen ihren Charakter nicht „einfach“ trainieren, wenn sie doch wissen, dass sie zu wenig Energie und Kraft besitzen, sich durchzusetzen? Mit dem 4. August 1944 endet ihre Zeit im Hinterhaus. Im Februar oder Anfang März 1945 stirbt sie im KZ Bergen-Belsen. Nele Sommer geht ab.

„Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung.“, sagt Roland Frölich, Schulleiter des Hohenstaufen-Gymnasiums, und lässt keinen Zweifel daran, wie wichtig es ihm ist, junge Menschen zu Zivilcourage zu erziehen, sie für Fehlverhalten jeder Art zu sensibilisieren, ihnen zu vermitteln, dass nie wieder solches Unrecht geschehen darf wie unter dem nationalsozialistischen Terrorregime.

Seit August 2013, so Elisabeth Merkert, Sprecherin der Stolperstein-Initiative, sind in Kaiserslautern 88 Stolpersteine gesetzt worden für Menschen, die während des Dritten Reiches diskriminiert, vertrieben, verschleppt und oft ermordet worden sind. Bei der letzten Verlegung wurde der Geschwister Willi und Flora Bender, der Familie Schlachter und der Familie des Eduard Moses Tuteur gedacht. Sein Sohn Karl-Heinz wird im Jahresbericht 1938/39 der Oberrealschule, dem heutigen Hohenstaufen-Gymnasium, unter den Schülern genannt, die während des Schuljahres ausgeschieden sind. Er war damals 12 Jahre alt, müsste die 6. Klasse besucht haben. Die genannten Schicksale, recherchiert von Elisabeth Merkert, Roland Paul und dem Ehepaar Heike und Gregor Sprengart, können die Gäste der Matinee an Stelltafeln im Anschluss an die Veranstaltung nachvollziehen.

Der Historiker Bernhard Gerlach führt aus, dass es 1933 etwa 650 gut integrierte jüdische Mitbürger in Kaiserslautern gegeben habe, was etwa 1% der Gesamtbevölkerung von Kaiserslautern entsprach. In größeren Dörfern, etwa in Thaleischweiler, gab es jüdische Schulen, in der Stadt jedoch besuchten die jüdischen Kinder die „normalen“ Schulen, was vor der Machtergreifung auch unproblematisch war. Die jüdischen Kinder waren in den fortführenden Schulen sogar überrepräsentiert, da ihre Eltern Wert auf eine gute Schulbildung legten. Ab 1933 sind jüdische Kinder insbesondere an den staatlichen Schulen nicht mehr erwünscht. Für die Mädchen bringt ein Wechsel zum Institut der Franziskanerinnen eine vorübergehende Erleichterung. Aufgrund einer Verfügung der Regierung der Pfalz wird zum 1. September 1936 eine jüdische Sonderklasse in der Röhmschule in Kaiserslautern errichtet. Ein einziger Lehrer unterrichtet 28 Mädchen und Jungen im Alter von 6 bis 14 Jahren. Bereits 1938 wird die Klasse im Zuge der Reichspogromnacht wieder aufgelöst.

Anne-Marie Heid, geborene Drumm, erinnert sich gut, dass sie, damals siebenjährig, mit ihren Klassenkameraden in den Schulhof musste, wo man ihnen zu skandieren befahl: „Wir wollen in unserem Schulhaus keine Juden mehr!“ Obwohl sie Kind war und die Zusammenhänge nicht verstand, hat sie gespürt, dass großes Unrecht geschieht, und diesen Moment für den Rest ihres Lebens nicht mehr vergessen.

Die Kaiserslauterer Autorin Susanne Faschon war eine Klassenkameradin von Carola Tuteur, für die 2013 ein Stolperstein in der Allee-Straße verlegt wurde. In ihrem berührenden Gedicht „Aarmes Schneewittche“ erinnert sie sich literarisch an das dunkelhaarige Mädchen mit dem ernsten Gesicht, das irgendwann „gar nimmi kumm' is“. Sie und ihre Mitschüler haben nicht geahnt, dass Carola und ihr Bruder Claus, obwohl 1938 von den Eltern vorausschauend zu Verwandten nach Belgien geschickt, von den Nationalsozialisten aufgespürt und am 4. April 1944 mit dem Konvoi Nr. 24 nach Auschwitz deportiert wurden. „[Mer] han uns gekreppt, / daß se nimmand „Uff / Widdersehn“ gsaat hat,...“

Schwester Martina, 2013 noch Lehrerin bei den Franziskanerinnen, übergab mit ihrer Berufung zur Provinzoberin der Dillinger Franziskanerinnen in Bamberg, die Leitung der Stolperstein-Initiative an Elisabeth Merkert und Georg Emme. Dieser bedankte sich nicht nur bei Igor Tabatschnik von der jüdischen Gemeine, der die Matinee musikalisch auf dem Saxophon begleitet hatte, sondern auch bei den vielen Menschen, die die Initiative durch Recherche-Arbeit, durch Stein-Patenschaften, durch Photodokumentation oder Stolperstein-Pflegepatenschaften unterstützten und unterstützen.

Er lud ein, an der Verlegung der nächsten Stolpersteine für die Familien Auerbach und Hené sowie für Ida Blum teilzunehmen und am 8.September zur Gedenkfeier in das jüdische Gemeindezentrum zu kommen.

Die Matinee hatte mit dem Klassenzimmertheaterstück „Das Tagebuch der Anne Frank“ begonnen. Wer wollte, konnte am Abend im Union-Kino den gleichnamigen Film von Hans Steinbichler sehen, in dem Lea van Acken Anne Frank schmerzlich authentisch verkörpert.

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“; sagt der Talmud. In Kaiserslautern möchte man sich erinnern.

Beatrix Merkert