Biografie der Familie Kehr und von Elisabetha Lazarus

Recherche: Claudia Scheidt (Stand: 31.07.2026)

„Im Jahr 1938 wohnte ich im Anwesen Glockenstraße 87 in Kaiserslautern. Dort wohnten auch die jüdischen Familien Altschul als Hausbesitzer und Richard Kehr als Mieter. Am Morgen des 10.11.38 wurden die gesamten Einrichtungsgegenstände dieser beider Familien durch Parteimänner der NSDAP mutwillig zerstört.“

Im Stadtgebiet von Kaiserslautern wurden am 23.08.2026 in der Glockenstraße 87 Stolpersteine für die Eheleute Richard Nathan und Jenny Kehr, für ihre Töchter Ursula Johanna und Marianne sowie für Elisabetha Lazarus, der Mutter von Jenny Kehr verlegt.

Herkunftsfamilie von Richard Nathan Kehr:

Richard Kehr wurde am 24.10.1882 als jüngstes Kind des Fruchthändlers Julius Kehr (*05.09.1849 Münsterappel) und seiner Ehefrau Rosalie (geb. Becker, *11.05.1853 Kaiserslautern) in Kaiserslautern geboren. Wie viele seiner Generation kämpfte er im 1. Weltkrieg (März 1915 bis November 1918). Er war Kaufmann von Beruf.

Richard wuchs mit seinen beiden älteren Geschwister Selma (17.10.1878 Kaiserslautern) und Eugen Simon (16.02.1881 Kaiserslautern) in Kaiserslautern, Fackelstraße 3 auf. Selma heiratete am 15.08.1901 in Kaiserslautern, den aus Sankt Johann/Saar stammenden Rechtsanwalt Dr. Max Weiler (16.02.1870 St. Johann), der ab 1931 Gemeindevorsteher der Synagogengemeinde des Kreises Saarbrücken war. Das Ehepaar hatte zwei Töchter, Gertrud/Gerdi (25.02.1902 St. Johann) und Else/Ilse (*06.11.1908 St. Johann).
1935 floh Max Weiler mit seiner Familie über Luxemburg nach Frankreich. Dort starb er am 25.11.1939 in Blois, Loir-et-Cher. Nach dem Tod des Ehemannes floh Selma mit ihren beiden Töchtern über Kuba in die USA, wo sie am 01.07.1967 in Philadelphia/USA starb.

Am 12.06.1912 heiratete Eugen Kehr in Bad Dürkheim die Tochter des Weinhändlers Markus Jonas. Helene (10.09.1891 Bad Dürkheim) und Eugen hatten ebenfalls zwei Kinder, Sohn Franz (23.07.1913 Kaiserslautern) und Tochter Edith (*19.04.1919 Kaiserslautern). Wie Richard war auch Eugen Kaufmann und kämpfte im 1. Weltkrieg (Juli 1916 bis Oktober 1918). Die Brüder betrieben gemeinsam, im elterlichen Anwesen in der Fackelstraße 3, einen Getreide- und Mehlhandel.

Nachdem Tod der Eltern 1924 ging das Elternhaus (lt. Adressbuch) in den Besitz von Eugen über. Einige Jahre später erwarb Richard das Haus. Im Adressbuch 1927/1928 wurde er als Eigentümer erfasst.
Vermutlich nach dem Verkauf des elterlichen Hauses an seinen Bruder Richard, erwarb Eugen in den 20er Jahren eine Gründerzeitvilla (erbaut 1899/1890) im Benzinoring 6, welche er mit seiner Familie bezog. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde er massiv unter Druck gesetzt die Villa zu verkaufen. Die Eheleute bezogen daraufhin eine Mietwohnung am Schillerplatz 6 in Kaiserslautern (gemeldet ab 06.05.1935) wo sie bis 02.01.1936 lebten. 1936 erfolgte der Verkauf „zu einem Spottpreis“ an den Bezirksverband . Vom 02.01.1936 bis 15.01.1936 wohnten Eugen und seine Frau Helene einige Tage bei Richard in der Klosterstraße 35, bevor sie nach Bad Dürkheim umzogen.
Sohn Franz hatte zwischenzeitlich eine Banklehre begonnen. Ob er diese abschließen konnte ist nicht bekannt. Von 1930 bis 1931 wohnte er zeitweise, vermutlich während seiner Ausbildung, in Mannheim. Am 01.09.1931 zog er nach Bad Dürkheim. 2 Jahre später, am 19.08.1933 reiste er vermutlich nach Riga/Lettland und in der Folgezeit weiter nach Palästina. Zuletzt lebte er in den USA, wo er am 31.07.2001 in Paramus/New Jersey starb. Er war verheiratet mit Meta/Michal Koller (*14.01.1911 Berlin). Das Paar hatte zwei Töchter.
Nach der Machtergreifung musste Tochter Edith die Höhere weibliche Bildungsanstalt verlassen. Laut Meldekarte zog sie am 01.05.1935 nach Bad Kreuznach und ein Jahr später über Bad Dürkheim nach Chemnitz. Die Umzüge dienten der Vorbereitung auf eine Auswanderung nach Palästina. Von jüdischen Jugendorganisationen wurde sie auf das Leben in einem Kibbuz vorbereitet, auch „Hachschara“ genannt (hebräisch für „Tauglichmachung/Vorbereitung“). Ab 1937 gab es mehrere Umzüge nach Frankfurt und Bad Dürkheim. Im Februar 1938 gelang ihr die Flucht zu ihrem Bruder nach Palästina. Edith heiratete später. Sie hatte 3 Kinder.

Noch im selben Jahr gelang Eugen und Helene Kehr die Flucht zu ihren Kindern. Sie konnten mit dem Dampfer „Gerusalemme“ von Triest nach Haifa/Palästina fliehen, wo sie in der Pogromnacht ankamen. Eugen Kehr starb 1958 in Tel Aviv und Helene 1977 in Gamat Gan/Israel.

Herkunftsfamilie von Jenny Kehr, geborene Lazarus:

Jenny Lazarus kam am 11.03.1895 in Appenheim zur Welt, wo sie auch ihre Kindheit verbrachte. Appenheim gehörte zu dieser Zeit zum Großherzogtum Hessen-Darmstadt in der Provinz Rheinhessen. Sie war die Tochter vom Handelsmann Hermann Lazarus (08.07.1859 in Appenheim) und seiner Ehefrau Elisabetha, geb. Lachenbruch, auch Jettchen/Settchen genannt (09.06.1864 Wolfskehlen). Hermann Lazarus starb am 31.12.1930 im Alter von 71 Jahren.
Jenny hatte noch mindestens drei Geschwister. Den älteren Bruder Ludwig (27.10.1891 Appenheim), die ältere Schwester Klara (08.12.1893 Appenheim) und den jüngeren Bruder Otto (27.02.1897 Appenheim). Von Klara wissen wir, dass sie am 23.12.1913 Adolf Bachrach (26.09.1881 ?) heiratete, der zu diesem Zeitpunkt bereits in Kassel lebte. Das Ehepaar hatte zwei Söhne, Werner (26.04.1915 Kassel) und Gustav (08.11.1916 Kassel).
Adolf war einer der Geschäftsführer der Firma Leo Lazarus GmbH aus Kassel und betrieb später laut Adressbuch 1923 einen Holzhandel. Laut Meldekarte starb Adolf Bachrach am 30.09.1927 in Heidelberg. Bekannt ist, dass Klara am 21.09.1938 in ein sog. Judenhaus in der Kaiserstraße 13 und am 26.01.1942 in die Schillerstraße 7, damals ebenfalls ein Judenhaus, umziehen musste. Ob ihre Söhne noch bei ihr lebten ist bislang nicht bekannt. Am 01.04.1942 wurde sie von dort in das Vernichtungslager Sobibor deportiert, wo sie am 03.06.1942 ermordet wurde.

Berta Adler, die zur selben Zeit wie Klara zwangsweise in der Kaiserstraße 13 lebte, schrieb in einem Brief an ihre Tochter:

„Liebe Margot, der Umzug ging ruhig von statten, was ich nicht brauchte, habe ich verkauft… Ich wohne mit nur feinen Menschen zusammen, eine Frau Bankier Leopold Plaut [Henriette Plaut], eine Frau Bankier Katzenstein [Franziska Katzenstein], eine ist die frühere Inhaberin von Leo Lazarus [Klara Bachrach]. Sie sind äußerst nett zu mir. Frau Lazarus sagt immer mein Mütterchen zu mir, was sie hat, teilt sie mit mir, also in dieser Beziehung braucht ihr euch um mich keine Sorgen zu machen…“

Biografie von Familie Richard und Jenny Kehr sowie Elisabetha Lazarus, Mutter von Jenny:

Richard Kehr heiratete am 29.02.1920 Jenny Lazarus in Appenheim. Nach der Eheschließung lebten sie im elterlichen Wohnhaus von Richard in Kaiserslautern, Fackelstraße 3. Kurz vor der Geburt ihrer ersten Tochter zog das Paar in die Eisenbahnstraße 50, wo Ursula am 11.07.1921 geboren wurde. Zwei Jahre später, am 20.09.1923 kam auch Tochter Marianne dort zur Welt.

Nachdem im Juni 1924 beide Elternteile von Richard verstarben, zogen sie am 25.07.1924 wieder in die Fackelstraße 3. In der Folgezeit erwarb Richard das Haus von seinem Bruder, der nach dem Tod der Eltern Besitzer wurde. Nach 10 Jahren verkaufte Richard Kehr sein Elternhaus an Reinhard Peter (Pharmazeut und Drogist) der in der gleichen Straße zur Miete wohnte. Am 12.06.1934 mietete die Familie in die Klosterstraße 35 eine Wohnung an. Ab 10.09.1936 lebte auch die Schwiegermutter von Richard, Elisabetha Lazarus im Haushalt mit.

Am 01.03.1937 ging die älteste Tochter Ursula nach Worms, wo sie als Kindermädchen arbeitete. Dort lebte sie bis 30.03.1938. Nach ihrer Rückkehr wohnte sie wieder im Haushalt ihrer Eltern in Kaiserslautern, damals in der Klosterstraße 35. Evtl. aufgrund einer beengten Wohnsituation zog Richard Kehr mit seiner Familie und seiner Schwiegermutter am 09.05.1938 in die Glockenstraße 87. Sie bewohnten dort eine 4-Zim¬mer-Wohnung mit Küche und Bad.

Da es aufgrund einer Verfügung vom 27.06.1936, durch die Regierung der Pfalz, jüdischen Schüler*Innen ab Oktober 1936 verboten war am regulären Schulunterricht teilzunehmen, musste Marianne die jüdische Sonderklasse in der Röhmschule besuchen. Sämtliche Jahrgänge waren in einem Klassenraum unter dem Dach der Schule untergebracht.

Frühjahr 1938:
Schüler*Innen sind nach Jahrgang geordnet, die Jüngsten vorn, die Älteren in den hinteren Reihen. Marianne: letzte Reihe zweite von rechts

Als am 09. und am 10.11.1938 nationalsozialistische Schlägertrupps durch Kaiserslautern zogen, wurde auch Familie Kehr aufgesucht. Eine damalige Nachbarin berichtet:

„… Alle Einrichtungsgegenstände wurden seinerseits in der sogenannten Kristall-nacht von mir unbekannten Männern der Partei Hitlers demoliert oder gestohlen. Meines Wissens war alles vernichtet worden, was nicht gestohlen wurde. Es ist mir nicht erinnerlich, dass Familie Kehr auch nur die kleinste Habe mitnehmen konnte.“

In ihrer frühkindlichen Erinnerung nahm Marianne dieses Ereignis als „eine Nacht der Gewalt gegen Juden“ wahr.

Auch die jüdischen Schüler*Innen erlebten in der Schule Gewalttätigkeiten. Es ist bekannt, dass sie am 10.11.1938 in der Röhmschule durch Schulleiter Weis und das Lehrerkollegium extrem beschämende Demütigungen ausgesetzt waren. Sie wurden der Schule verwiesen und nichtjüdische Schulkinder skandierten: „Wir wollen keine Juden hier…“.
Um das menschenverachtende Vorgehen in der Pogromnacht in Kaiserslautern zu verdeutlichen, wird an dieser Stelle exemplarisch aus einem Bericht von Justizrat Dr. Leo Blüthe, damals Vorstand der jüdischen Gemeinde in Kaiserslautern und Nachbar von Familie Kehr, zitiert:

„Man merkte schon einige Zeit vorher, dass ein Schlag gegen die Juden vorbereitet wurde. In jeden Aufruf zur Winterhilfe waren die haesslichsten Ausfaelle gegen die Juden, ohne dass irgend ein Zusammenhang zwischen Winterhilfe und Judenfrage bestand. In den Septembertagen wurde das Volk dahin belehrt, dass das Weltjudentum zum Kriege hetze und dass es nur der Friedensliebe von Hitler zuzuschreiben sei, dass der Krieg noch nicht ausgebrochen sei…
Am 10. November gegen 8 Uhr kamen 5 Leute unter Fuehrung eines Beamten von der geheimen Staatspolizei zu einer Hausdurchsuchung… Jetzt durchwuehlten die Leute alle meine Schraenke im Buro, auch die Schraenke in der Wohnung wurden durchsucht. Alles wurde herausgenommen und lag auf dem Boden… Nach einiger Zeit erklaerte der Polizeibeamte, ich solle mich fertig machen, um mit auf die Polizei zu gehen… Mit mir zusammen waren unter anderen der alte Kayem, Dr. Basch, Dr. Tuteur I. Letzter war nur mit einem Mantel bedeckt, sonst hatte er nur Unterkleidung an… Gegen 12 Uhr… wurde uns gesagt, wir koennen nachhause gehen… Vor unserer Wohnung brannte ein Feuer… Ich merkte, dass die Fenster zerbrochen waren und die Fensterrahmen los herumhingen… In der Wohnung sah es boes aus alle Moebel, alles Geschirr waren zerschlagen…
Nun kamen nochmals 2 SA-Leute und eroeffneten … dass wir bis 12 Uhr ausserhalb der Saarpfalz sein muessen.“

Es ist davon auszugehen, dass auch Familie Kehr eine solche Aufforderung erhielt. Nachbarn schilderten später, dass die Wohnung von Richard Kehr in der Pogromnacht komplett verwüstet wurde. In einem Brief berichtet Anna Blüthe, dass Familie Kehr gemeinsam mit anderen Zuflucht in der Waschküche in der Glockenstraße 87 fand.

„Bald kam Ursula Kehr heruebergelaufen, um Grossvater zu holen. In ihrer … Wohnung war alles zerschlagen, aber in der sehr hellen gelegenen Souterain gelegenen Waschkueche, in welcher der Ofen fuer die Zentralheizung brannte war alles heil.“

Richard und seine Familie verließen Kaiserslautern und flohen gemeinsam mit der Schwiegermutter Elisabetha nach Mannheim. Dort lebten sie laut Meldekarte bis August 1939 in der Augusta Anlage 25. Vermutlich wohnte die Familie als Untermieter bei der jüdischen Familie Heidelberger, die möbliert vermietete und eine Art Pension betrieb. Elisabetha Lazarus fand eine Straße weiter eine Unterkunft. Am 17.08.1939 bezogen sie gemeinsam eine Wohnung in der L 13, 7 in Mannheim.

Zu diesem Zeitpunkt waren die Töchter Ursula und Marianne bereits nach Großbritannien geflohen. Mit einem der ersten Kindertransporte gelang es Ursula im Januar 1939 (lt. Meldekarte 18.01.1939) die Flucht über die Niederlande nach Großbritannien. Marianne, die jüngere Schwester folgte ihr im Juli 1939 (lt. Meldekarte 20.07.1939). Letztendlich hatten beide Glück, Ursula dass sie erst 6 Monate später 18 Jahre alt wurde, das Höchstalter für einen Kindertransport lag bei 17 Jahren und Marianne, dass sie noch kurz vor Kriegsbeginn nach Großbritannien emigrieren konnte. Mit Beginn des Krieges wurden die Kindertransporte eingestellt.

Nachdem am 08.11.1939 im Bürgerbräukeller in München ein Attentat auf Hitler scheiterte, kam es am darauffolgenden Tag zu Verhaftungen unter der jüdischen Bevölkerung. Auch Richard Kehr wurde mit dem Hinweis auf das Attentat festgenommen. Wie lange er sich in Haft befand ist nicht bekannt. Richard Kehr starb laut Sterbeurkunde am 30.09.1940 in Mannheim, kurz vor Beendigung seines 58jährigen Lebensjahres. Als Todesursache wurde Hypertonie/Herzschwäche vermerkt.

Nur wenige Wochen danach, am 22.10.1940 wurde Jenny Kehr gemeinsam mit ihrer 76jährigen Mutter Elisabetha Lazarus von der Gestapo Württemberg-Baden in das Internierungslager nach Gurs/Frankreich deportiert. Dort kamen sie am 25.10.1940 an. Die meisten der Inhaftierten waren alte Menschen, Frauen und Kinder. Die Lebensbedingungen waren katastrophal. Bei Regen war alles matschig, es gab nur Läuse, Kälte, Hunger, Typhus und Ruhr. Elisabetha Lazarus, die Mutter von Jenny Kehr konnte unter diesen Bedingungen noch keinen Monat überleben. Sie starb am 11.11.1940 im Internierungslager in Gurs.

Aufgrund „guter Führung“ im Internierungslager Gurs erhielt Jenny Kehr im Februar 1941 die Erlaubnis (was sehr selten vorkam) sich in der Region von Gan, Pau und Morlaàs, jeweils kleinere Orte in der Nähe der Pyrenäen und der spanischen Grenze, aufzuhalten. Wie Gurs war die Region zu dieser Zeit Teil des besetzten Frankreichs und unterlag der deutschen Besatzungspolitik. Aus einer Bescheinigung geht hervor, dass Jenny Kehr vom 07.02.1941 bis 18.06.1941 in der Gemeinde Gan gelebt hat. In dieser Zeit lernte sie vermutlich Max Ludwig Regensburger (*09.04.1895 Göppingen) kennen. Auch er wurde 1940 nach Gurs deportiert, erkrankte dort und kam aufgrund dessen am 03.04.1941 in ein Hospital nach Pau und später in ein Sanatorium nach Morlaàs.

Als im August 1942 damit begonnen wurde die Menschen aus dem Internierungslager Gurs in die Vernichtungslager zu deportieren, reifte vermutlich der Entschluss gemeinsam nach Spanien zu fliehen. Im Oktober 1942 traten sie die gefährliche Flucht über die Pyrenäen an. Beim Grenzübertritt am 08.10.1942 wurden sie jedoch auf spanischer Seite von Francos Guardia Civil in Coll de Nagró aufgegriffen, verhaftet und ins Gefängnis von Seo de Urgel, Provinz Lérida (heute Lleida) gebracht. Der für diese Region zuständige Zivilgouverneur, Juan Antonio Cremades Royo, war ein überzeugter Franco-Anhänger und Mitglied bei Opus Dei, einer Bewegung die von der Nähe zu Franco profitierte und wiederum ein wichtiger ideologischer Stützpfeiler des Regimes war. Sie selbst nannten sich „Kampftruppe Gottes“.

Die deutsch-spanische Wissenschaftlerin Rosa Sala Rose weist darauf hin, dass aus den Papieren aus Lérida deutlich ein antisemitischer Grundton heraus zu lesen ist und dass Spanien damals keine solche offene antisemitische Politik betrieb. Sie ist davon überzeugt, wäre Jenny Kehr weiter südöstlich, in Gerona, über die Grenze gekommen, hätte sie es mit einem viel wohlgesinnteren Zivilgouverneur zu tun gehabt.

Cremades Royo traf die Entscheidung, dass Jenny Kehr mit ihrem Partner Max Regensburger im Konzentrationslager „Miranda de Ebro“ in Burgos zu internieren war. Am 31.10.1942 erfolgte die Überstellung. Da dort ausschließlich Männer aufgenommen wurden, musste Jenny Kehr wieder nach Seo de Urgel zurück. Auf dem Weg dorthin wurde sie kurzfristig am 05.11.1942 in das Gefängnis in Logrono überstellt. Am 11.11.1942 kam sie in Lérida an.

Am 30.11.1942 beschloss Cremades Royo sie nach Frankreich zu überstellen:

“… Ich befehle, die hebräische Ausländerin Jenny Sara Kehr (…) nach Figueras zu fahren… ihr zu befehlen die Grenze zu überqueren, da sie heimlich in unser Gebiet eingereist ist….“

Jenny Kehr wurde am 10.12.1942 mit dem Zug von Lérida nach Barcelona in das Frauengefängnis „Les Corts“ überstellt. Es war geplant sie am nächsten Tag nach Figueras zu bringen und damit Richtung französischer Grenze. Vor dort aus sollte sie über Portbou nach Frankreich ausgewiesen werden. Für sie bedeutete diese Entscheidung an die Nazis in Frankreich, die „mit ihren wilden Hunden die Grenze“ kontrollierten, ausgeliefert zu werden.

Jenny hielt diesen Druck, diese Angst und diese Ungewissheit nicht mehr länger aus. Jede Verlegung hatte für sie bedeutet, sich nackt auszuziehen, desinfiziert und gedemütigt zu werden. Immer in der Ungewissheit wie es weiter geht. Am 11.12.1942 begeht sie im Gefängnis in Barcelona Selbstmord. Ein Gürtel und ein Vorsprung aus der Wand dienten als Werkzeuge für den Suizid. In ihrem Abschiedsbrief, den sie einer Mitgefangenen im Gefängnis in Lérida anvertraute, schrieb sie:

„Lieber Max: Ich weiß jetzt, dass sie mich zurückschicken wollen und fühle mich so, dass ich den Tod bevorzuge…“

Max Regensburger blieb bis zu seiner Entlassung 1943 im Konzentrationslager „Miranda de Ebro“. Danach lebte er in Barcelona, bis er 1948 von Le Havre aus nach New York emigrierte, wo er im Mai 1970 starb.

Mehr Glück hatten ihre Töchter, die durch die Unterstützung von Verwandten in den Vereinigten Staaten dorthin emigrieren konnten.

Nach einem Jahr im Waisenhaus in Großbritannien, gelang es der sechzehnjährigen Marianne, die durch den 2. Weltkrieg stark eingeschränkte und gefährliche Überfahrt von Liverpool nach Montreal/Kanada. Von dort reiste sie mit dem Bus nach New York wo sie am 12.06.1940 ankam. Marianne hatte direkt eine Stelle als Au-Pair-Mädchen bei einer Familie mit 2 Söhnen gefunden. Bis zu ihrer Heirat 1952 arbeitete und lebte sie bei ihnen. Sie sprach immer von ihrer „Adoptivfamilie“.

Foto aus der Absichtserklärung:
United States of America
„Deklaration of Intention“

1962 konnten Marianne und ihr Mann Harold ihren Traum verwirklichen und ein Kindersommerlager gründen. Sie kauften hierfür ein Anwesen in New Jersey auf dem bis heute ein Tagescamp für Kinder, in der Zwischenzeit von den Kindern von Marianne und Harold, betrieben wird. Mit Unterstützung ihres Mannes konnte sie 1976 ihren B.A. Abschluss in „Frühe Kindheit“ absolvieren. Kurze Zeit arbeitete sie als Lehrerin um dann 30 Jahre die Direktorinnenstelle an der „Summit Cooperative Nursery School“ in Summit/New Jersey zu übernehmen. Marianne Kehr, verheiratete Breene starb am 22.02.2017 im Alter von 83 Jahren.

Im Nachruf wird sie wie folgt beschrieben:

„Noch nie mehr als 5 Fuß groß – wahrscheinlich näher an 4,8 Fuß – Marianne war ein Riese in jedem nicht physischen Sinne. Die tiefgreifenden Auswirkungen, die sie auf das Leben von Freunden, Studenten… hatte, wird weiterleben… Sie wird von ihrer Familie schmerzlich vermisst werden.“

Kurze Zeit nach der Ausreise von Marianne gelang es auch ihrer Schwester Ursula in die USA zu emigrieren. Am 02.11.1940 reiste sie mit dem Passagierschiff „S.S. Nerissa“ von Liverpool nach Boston/USA. Nach Monaten der Ungewissheit konnten sich die Schwestern in New York wieder treffen. Laut Passagierliste lebte Ursula Kehr bis zur Ausreise in London. Als Beruf wurde Kinderkrankenschwester vermerkt. Wie ihre Schwester lebte sie in ihrer neuen Heimat zuerst in New York. Auch sie heiratete und hatte einen Sohn. Ursula Keller geb. Kehr starb 2015.

Mitte 1943 erfuhren die Schwestern vom Tod ihrer Mutter. Für Marianne Kehr haben die Spanier durch ihr Verhalten im Umgang mit ihrer Mutter das Recht verloren zu sagen, sie hätten nicht mit dem Holocaust kollaboriert.

Quellen:

  • Meldekarten Kaiserslautern:
    Kehr Julius und Rosalie (geb. Becker) (Eltern von Richard Nathan)
    Kehr Richard Nathan und Jenny (geb. Lazarus)
    Kehr Ursula Johanna
    Kehr Marianne
    Lazarus Elisabetha
  • Meldekarte Worms: Kehr Ursula Johanna
  • Meldekarten Mannheim
    Kehr Richard Nathan und Jenny (geb. Lazarus) Kehr Ursula Johanna
    Kehr Marianne
    Lazarus Elisabetha
  • Familie Kehr:
    Pfalzgeschichte.de (die Geschichte der Gründerzeitvilla)
    Bericht von Dr. Leo Blühte über die Pogromnacht (damaliger Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Kaiserslautern)
  • Jenny Kehr:
    Landesarchive Karlsruhe:
    Entschädigungssache: Polizeidirektion Kaiserslautern, Vernehmungsniederschrift vom 11.06.1959
    Repository Del Department de Justice (Cataluña)
    Dia-refugia-apunt-sumari-jennykehr
    Gencat.cat, Jenny Kehr, Educació i Memória
    Wikipedia: Jenny Kehr
  • Ursula Johanna Kehr: Passagierliste S.S. Nerissa, Liverpool – Boston, 02.11.1940
  • Marianne Kehr
    Absichtserklärung vom 17.04.1942
    Sterbeurkunde Breene Marianne, geb. Kehr
    Nachruf Breene Marianne, geb. Kehr
  • Familie Lazarus:
    Heiratsurkunde Hermann und Elisabetha Lazarus
    Geburtsurkunde Ludwig
    Geburtsurkunde Jenny
    Geburtsurkunde Otto
    Sterbeurkunde Lazarus Hermann
    Appenheimer Mitteilungsblatt
    Heiratsurkunde Klara Lazarus und Adolf Bachrach
    Heiratsurkunde Jenny Lazarus und Richard Nathan Kehr
    Yad Vashem, Datensatz 11460699 Klara Bachrach, geb. Lazarus
    Stolpersteine Kassel, Berta Adler
    Wikipedia: Jüdische Gemeinde Appenheim
  • „Pfälzer Juden und ihre Deportation nach Gurs“, Roland Paul
  • „Von Dachau bis Basel“, Alfred Schwerin, Überarbeitung Roland Paul
  • „Briefe von Anna und Dr. Leo Blüthe“, veröffentlicht durch das Leo Baeck Institut [November Pogrom 1938, Kaiserslautern]. (cjh.org)

Weitere Bilder und Informationen

Schulausflug zum Humbergturm: Marianne rechts neben Torbogen, 2. an der Wand lehnend Schülerin
Grabstein von Lazarus Hermann (Vater von Jenny Kehr, geb. Lazarus)
jüdischer Friedhof Appenheim
Entschädigungssache Jenny Kehr, Polizeidirektion Kaiserslautern, Vernehmungsniederschrift vom
11.06.1959: Luise Nägle (ehemalige Nachbarin)
Entschädigungssache Jenny Kehr, Polizeidirektion Kaiserslautern, Vernehmungsniederschrift vom
11.06.1959: Emilie Born (ehemalige Nachbarin)
Bescheinigung Lager Gurs – Jenny Kehr
Bescheinigung Lager Gurs – Jenny Kehr, Übersetzung
Sterbebescheinigung Jenny Kehr
United States of America „Deklaration of Intention“, Absichtserklärung Marianne Kehr
Passagierliste „S.S. Nerissa“ Ursula Johann Kehr