Biografie Georg Steiner

Recherche: Achim Müller, Naturfreunde Kaiserslautern

Zur Erinnerung an Georg Steiner verlegte die Stolperstein-Initiative Kaiserslautern gemeinsam mit dem Verein der Naturfreunde am 23. August 2026 Im Grünen Graben 5 in Kaiserslautern einen Stolperstein.

Georg Steiner wurde am 10.08.1909 in Kaiserslautern als Sohn des Metallarbeiters Georg Steiner und seiner Ehefrau Katharina geb. König geboren. Nach dem Besuch der Volksschule erlernte er in 3 Jahren bei einer Kaiserslauterer Firma das Schmiedehandwerk. Parallel dazu besuchte er die Gewerbeschule und bestand die Gesellenprüfung mit der Note „sehr gut“. Nach Abschluss der Lehrzeit blieb er noch bis Februar 1928 bei seiner Lehrfirma. Danach arbeitete er bei verschieden Firmen, zuletzt bei der Firma PFAFF, die ihn im Oktober 1930 wegen Arbeitsmangels entließ. Nach längerer Arbeitslosigkeit fand er bei einem Bäckermeister eine Stelle als Ausläufer, die er bis zur Geschäftsaufgabe 1934 versah.

Am 26. Mai 1934 heiratete er Margarethe Guckenbiehl, die Tochter des Mit-Gründers der Kaiserslauterer Naturfreunde. Aus der Ehe gingen 2 Söhne hervor: Georg Roland Steiner wurde am 15.9. 1936 und Volker Siegfried Steiner am 18.7.1940 geboren.

Nach kurzer erneuter Arbeitslosigkeit bis Herbst 1935 trat er bei der Firma Zschocke in Kaiserslautern eine Stelle als Schmied an und blieb dort bis zu seiner Festnahme am 29.10.1938 beschäftigt.

Nach seiner Haftentlassung am 27. Juni 1939 arbeitete er erneut bei der Firma Zschocke, bis er im Januar 1942 in eine Strafkompanie eingezogen wurde und am 19.4.1942 beim Kriegseinsatz in der Sowjetunion verstarb.

Das weiße Haus mit den 2 Gauben war das Wohnhaus
von Georg Steiner im Grünen Graben 5.

Politische Aktivitäten:

Bereits nach seiner Schulentlassung im Jahre 1924 trat Georg Steiner im Alter von 16 Jahren den Naturfreunden Kaiserslautern bei und blieb bis zur Auflösung durch die Nazis 1933 Mitglied. Er beteiligte sich aktiv auch an den Naturfreunde-Wanderungen und Freizeiten. Die Naturfreundejugend beschäftigte sich damals mit Fragen des Sozialismus, Antimilitarismus und der sexuellen Emanzipation. Gemeinsam lasen sie den Antikriegsroman von Remarque „Im Westen nichts Neues“

1926 trat er in die Sozialistische Arbeiterjugend SAJ, den Jugendverband der SPD ein, wo er ebenfalls bis zur Auflösung Mitglied blieb. Er hatte dort abwechselnd den Posten des Kassierers und des Vorstandes inne. Von 1930 bis 1933 war er zudem in der SPD, an deren Versammlungen und Demonstrationen er sich beteiligte.

Von 1931 bis 1932 gehörte er außerdem dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold an, einem 1924 gegründeten politischen Wehrverband von SPD, Zentrum, DDP und teilweise Gewerkschaften zum Schutz der demokratischen Republik. In der Weimarer Zeit bildeten fast alle Parteien solche Verbände, um eigene Saalveranstaltungen und Demonstrationen gegen Angriffe der politischen Gegner zu schützen.

Die KPD gründete ebenfalls 1924 den Roten Frontkämpferbund RFB als Wehrverband.

Vor allem die rechten Parteien (NSDAP mit der SA, rechtskonservative und Monarchisten mit dem Stahlhelm) nutzten diese teilweise paramilitärischen Organisationen auch zu militanten Angriffen auf Veranstaltungen der Linken.

Gewerkschaftlich war Georg Steiner als gelernter Schmied im deutschen Metallarbeiterverband organisiert.

Nach der Machtübertragung an die NAZIS unternahm Georg Steiner mit seiner damaligen Verlobten Margarethe Guckenbiehl im Sommer 1933 eine Radtour nach Karlsruhe. Was seine spätere Ehefrau nicht wusste, dass er bereits damals für die illegale SAP Kurierdienste versah und Flugblätter überbrachte.

Die Sozialistische Arbeiterpartei SAP war eine 1931 erfolgte Linksabspaltung von der SPD durch GenossenInnen, die den Aufrüstungs- und Sozialabbaukurs der SPD-Hauptströmung nicht mehr mittragen konnten. Sie setzte sich für eine Einheitsfront von SPD, KPD, Gewerkschaften und anderen Massenorganisationen der Arbeiterbewegung gegen den Faschismus ein.

Erst nachdem die SPD verboten und das gesamte Parteileben erloschen war, schloss sich Georg Steiner der im Widerstand arbeitenden Gruppe der SAP um Philipp Mees, Jonathan Volk und Hermann Röper an. Für sie wurden bereits Stolpersteine in Kaiserslautern auf dem nach Philipp Mees benannten Platz vor dem Polizeipräsidium Kaiserslautern verlegt, siehe  

Biografie Philipp Mees – Stolper­steine in Kaisers­lautern ,

Biografie Jonathan Volk – Stolper­steine in Kaisers­lautern und

Biografie Hermann Röper – Stolper­steine in Kaisers­lautern.

Sie trafen sich damals u.a. in der Gastwirtschaft „Hopfenblüte“ in der Pariser Straße (Foto und weitere Informationen zu ihrem Widerstand in der Biografie von Hermann Röper).

Anschließend ein Auszug aus einem Artikel über die Naturfreunde Kaiserslautern im Antifaschistischen Widerstand von Willi Gundacker, einem Naturfreund aus Schopp. Er basiert auf einem Gespräch, das Willi mit der Witwe Margarethe Steiner Ende der 80er Jahre führte.

„Schon bei der Hinfahrt wurden sie im Rinnthal vom Gestapoführer Eckert mit dem Motorrad überholt. Da Eckert mehrmals wendete war offensichtlich, dass er sie zumindest eine zeitlang beobachtete. In Knielingen übernachteten sie bei Freunden. In dieser Nacht wurde Knielingen von Gestapo und SA umstellt und dann systematisch durchkämmt. Beide wurden festgenommen und als kommunistische Kuriere verdächtigt. In Karlsruhe wurden sie mehrere Wochen festgehalten und verhört. In der gleichen Nacht wurden auch die Wohnungen von Ludwig Guckenbiehl und den Eltern Georg Steiners durchsucht. Der Verdacht gegen Georg Steiner beruhte auf dessen Frankreichaufenthalt im Frühjahr 1933. Außerdem hatte er 1932 ein Zeltlager der internationalen Kinderrepublik „Solidarität. Die Falken“ in der französischen Gemeinde Draveil organisiert.

Zwei Wochen lang wurde Margarethe Guckenbiehl in Karlsruhe über das Tun ihres Verlobten in Frankreich verhört. Danach stand sie in Kaiserslautern noch drei Monate unter Polizeiaufsicht. Georg Steiner entließ man erst nach sechswöchigem Verhör aus Karlsruhe.“

Enge Kontakte bestanden zu den SAP-Gruppen in Ludwigshafen um Karl Nord und die Gebrüder Locherer in Mannheim. Durch eine streng konspirative Arbeit konnte die Organisation bis 1938 illegal weiterarbeiten. Erst als es der Gestapo 1938 gelang, die Mannheimer Organisation der SAP zu zerschlagen, flogen auch die Kaiserslauterer Genossen auf. Neben Georg Steiner waren dies Richard Lenz, Jonathan Volk, Philipp Mees und Hermann Röper.

Akte Steiner GESTAPO Deckblatt

Das Amtsgericht Mannheim erließ u.a. gegen Georg Steiner am 8.11.1938 Haftbefehl wegen Vorbereitung zum Hochverrat, wo er sich dann in Untersuchungshaft befand. Da ihm nichts Konkretes nachgewiesen werden konnte, wurde er jedoch am 22. Juni 1939 aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Urteil Mangel an Beweisen Steiner

Trotz mehrmaliger Intervention der Firma Zschocke, bei der er wieder nach seiner Haft-Entlassung beschäftigt war, wurde er im Januar 1942 in ein Strafbataillion eingezogen. Bei diesem Kriegseinsatz in der ehemaligen Sowjetunion südlich von Nowgorod am Ilmensee starb er am 19.4.1942 am Hauptverbandsplatz Dunajewo/Dunacwo aufgrund seiner am Vortag erlittenen schweren Verwundung.

Quellen:

Vetter-Gundacker, Willi: „Naturfreunde Kaiserslautern Antifaschistischer Widerstand“

Stadtarchiv Kaiserslautern

Landesarchiv Speyer, GESTAPO-Akten H 91 Nr. 1316 und Nr. 7201

Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt/Naturfreunde Rheinland-Pfalz: Ausstellung „Dornig wie die Alpenrose – Pfälzer Naturfreunde in der NS-Zeit“