Stolpersteine in Kaiserslautern

Stolperstein-Initiative

Stolperstein Wilhelm Otto Dinges

Wilhelm Otto Dinges

Geboren am 3.7.1917 in Kaiserslautern

Gestorben am 23.11.1938 im KZ Buchenwald

Wilhelm Otto Dinges wurde am 3. Juli 1917 als jüngstes von 4 Kindern des Ehepaares Bernhard (*18.2.1881) und Elise, geborene Eimer (*24.10.1887), geboren.

Sowohl Bernhard, von Beruf Zimmermann, als auch Elise waren aus Neukirchen, Amtgerichtsbezirk Otterberg, stammende Protestanten und heirateten am 10. April 1910 in Pfiffligheim (Worms), wo die Eltern von Elise lebten. Die Eltern von Bernhard waren zum Zeitpunkt der Eheschließung schon tot. In Pfiffligheim wurde am 7.10.1910 die älteste Tochter Elisabetha Katharina geboren. Die zweite Tochter, Erna, wurde am 17.11.1911 in Kaiserslautern geboren. Am 14.6.1914 folgte Sohn Bernhard, der wiederum in Pfiffligheim geboren wurde, ehe Wilhelm Otto am 3.7.1917 in Kaiserslautern geboren wurde.

Die erste Registrierung der Familie in Kaiserslautern erfolgte am 5.7.1915 in der Eisenstraße 8, und zwar für den Ehemann, der aus Worms zuzog. Aus einem Eintrag auf der (später angelegten) Meldekarte von Tochter Elisabetha ist zu ersehen, dass die Mutter mit den drei Kindern schon seit 5.7.1912 in Kaiserslautern lebte. Möglicherweise handelt es sich jedoch auch um einen Eintragsfehler bei der Jahreszahl des Zuzugs aus Worms, da sowohl Tag als auch Monat beider Angaben identisch sind.

Vater Bernhard Dinges wurde am 13.10.1915 zum Militärdienst eingezogen und kehrte als Kriegsinvalide aus dem Krieg zurück.

Der ältere der beiden Brüder, Bernhard (junior), starb im Alter von 6 Jahren am 27.11.1920. Die Familie zog am 26.11.1924 nach Frankreich, kehrte aber schon ein halbes Jahr später (am 13.5.1925) wieder nach Kaiserslautern zurück, wo sie bis 15.2.1935 in der Birnstraße 1 (bei Müller) gemeldet war. Von dort zog sie in die Hasenstraße 30 und am 1.10.1936 in die Ländelstraße 6.

Wilhelms älteste Schwester Elisabetha heiratete am 27.5.1933 den geschiedenen Tagner/Tagelöhner Friedrich Naumann aus Enkenbach, mit dem sie drei Kinder hatte: Hermann Franz (31.1.-7.4.1933), Elisabeth Erna (*21.8.1933) und Friedrich Bernhard (*14.10.1941). Elisabetha starb am 30.10.1947, ihr Mann Friedrich Naumann am 10.9.1974. Wilhelms zweite Schwester Erna heiratete am 15.8.1936 Karl Fromkorth.

Der Vater Bernhard starb am 23.10.1943 in Kaiserslautern, die Mutter Elise zog am 2.10.1956 nach Frankreich. Wann sie starb, ist unbekannt.

Wilhelm Otto Dinges, auf dessen Meldekarte als Beruf „Tagner“ angegeben ist, absolvierte wohl keine Lehre, sondern war im Alter von 17 arbeitslos oder verdingte sich bei Gelegenheitsarbeiten.

Die Idee, junge Menschen, vor allem Männer, zur Arbeit heranzuziehen, stammte bereits aus der Weimarer Republik und fand auf freiwilliger Basis statt. Bereits seit dem Frühjahr 1933 gab es allerdings Bestrebungen, den „Freiwilligen Arbeitsdienst“ (FAD) verpflichtend zu machen, da Hitler und seine Schergen darin die Möglichkeit sahen, die Jugend in einer paramilitärischen Organisation zum Gehorsam zu erziehen. Vordergründig diente der RAD dazu, arbeitslosen Jugendlichen durch harte körperliche Arbeit die gewünschte Arbeitsmoral anzuerziehen. Bis Anfang 1935, als der Arbeitsdienst verpflichtend für alle jungen Männer im Alter zwischen 18 und 25 wurde, blieb er mehr oder weniger freiwillig.

Auf der Meldekarte von Wilhelm findet sich unter dem Abmeldeeintrag nach Waldfischbach (am 11.9.1934) der Vermerk „Arbeitsd[ienst]“, woraus zu schließen ist, dass er mehr oder minder freiwillig in den Arbeitsdienst eintrat.

Ob Wilhelm auch im Jahr 1935 mit Vollendung seines 18. Lebensjahres zum verpflichtenden Arbeitsdienst gezwungen wurde, lässt sich nicht eruieren. Viele verschiedene Einträge zu Abmeldungen und Rückmeldungen auf seiner Meldekarte legen entweder die Zwangsarbeit nahe oder die Vermutung, dass Wilhelm Otto sich als Wander- oder Gelegenheitsarbeiter verdingte.

So meldete er sich am 11.9.1934 nach Waldfischbach ab, am 25.9.1935 aus Meisenheim zurück, von wo er am 24.8.1936 nach Memmingen verzog, aber bereits am 1.9.1936 wieder zurück in Kaiserslautern war. Acht Tage danach (am 9.9.1936) war er bis 6.10.1936 in Ingolstadt gemeldet. Am 22.11.1937 wurde er nach Ludwigsburg abgemeldet und meldete sich am 7.12.1937 aus Backnang zurück nach Kaiserslautern.

Während der Meldezeiten in Kaiserslautern lebte Wilhem Otto bei seinen Eltern, die seit ihrer Rückkehr aus Frankreich 1924 in der Birnstr. 1, dann in der Hasenstr. 30, der Triftstr. 100 und schließlich in der Ländelstr. 6 lebten. Zwischen 1.8.1934 und 15.2.1935 war Wilhelm jedoch in der Kuhstr. 5 gemeldet bei Neumann – möglicherweise der Familie seines späteren Schwagers.

Da Wilhelm Otto Dinges nach dem 7.12.1937, als er sich aus Backnang zurückgemeldet hatte, bei seinen Eltern lebte, ist davon auszugehen, dass seine Arbeitsdienstzeit vorüber und er möglicherweise arbeitslos war. Damit geriet er jedoch ins Visier der Nationalsozialisten, die alle Menschen verfolgten, die nicht ihren Vorstellungen entsprachen. Dazu gehörten auch von den Nazis als „arbeitsscheu“ abgestempelte Menschen, die keine geregelte Arbeit hatten.

In einer Rundfunkansprache im Januar 1937 hatte Himmler die Ausschaltung von „unverbesserlichen asozialen Elementen“ als Aufgabe der Polizei angekündigt; im März 1937 folgte zuerst eine Welle, bei der mehr als zweieinhalbtausend „Berufs- und Sittlichkeitsverbrecher“ verhaftet und interniert wurden. Am 19.1.1938 erging ein Runderlass, nach dem sogenannte „Asoziale“ zu verhaften seien. Die erste große Verhaftungswelle fand im April, die zweite im Juni 1938 statt. „Auf Befehl Heydrichs sollten mindestens 200 Arbeitsscheue, Landstreicher, Bettler, Zigeuner, Zuhälter, Widerstandleister, Körperverletzer, Hausfriedensbrecher und zudem alle vorbestraften männlichen Juden verhaftet und ins KZ Buchenwald eingeliefert werden. Grund hierfür war der Mangel an Arbeitskräften für die Erfüllung des Vierjahresplanes. Zudem hatte die SS in Buchenwald eine Baustoffproduktion in Betrieb genommen, für die sie dringend Arbeiter benötigte. Die Vorgabe Heydrichs wurde bei weitem übererfüllt. Die Häftlingszahlen in Buchenwald stiegen nicht um 200, sondern um 4000 von 3145 auf 7723“ (zit. in: Die Verfolgung der "Asozialen" im Nationalsozialismus). Als „Arbeitsverweigerer“ und damit als „arbeitsscheu“ galt, wer mindestens zweimal eine ihm angebotene Arbeitsstelle abgelehnt hatte.

Wilhelm Otto Dinges gehörte zu den Opfern der ersten im April 1938 durchgeführten, großangelegten Razzia der Aktion „Arbeitsscheu Reich“. Laut der Akte der Gestapo Neustadt wurde er am 21.4.1938 der Arbeitsverweigerung beschuldigt und festgenommen. Hintergrund der Inhaftierung war der am 26.1.1938 ergangene Erlass des Reichsführers SS Heidrich zur „Schutzhaft wegen Arbeitsscheue“. Am 27.4.1938 stellte die Gestapo Neustadt den Antrag, dass Wilhelm in das Konzentrationslager Buchenwald zu internieren sei, dem am 6.5.1938 von Berlin zugestimmt wurde. Die Überführung fand am 19.5.1938 statt.

In Buchenwald unter der Häftlingsnummer 4543 und in der Kategorie „ASR“ (Arbeitsscheu Reich) geführt, starb Wilhelm Otto Dinges im Alter von nur 21 Jahren am 23.11.1938 an einer allgemeinen Blutvergiftung bzw. Sepsis. Wie er sich diese Blutvergiftung zugezogen hatte bzw. ob die Todesursache korrekt angegeben ist, lässt sich nicht nachvollziehen. Seine Gestapo-Akte enthält ein Telegramm vom 24.11.1938 mit der Todesmitteilung und darüberhinaus einen Haftentlassungsantrag, vom Vater Bernhard Dinges gestellt (der selbst im Verdacht stand, „Separatist“ gewesen zu sein), polizeiliche Stellungnahmen des Vaters sowie eine Stellungnahme zur Todesnachricht.

Quellen:

Melderegister der Stadt Kaiserslautern von Wilhelm Otto Dinges, Bernhard Dinges, Friedrich Neumann

Landesarchiv Speyer: Auskunft (per Mail) über die Aktenlage und o.g. Details der Akte über W.O. Dinges (H 91 Nr. 2223) durch den Leiter des Landesarchivs, Dr. Walter Rummel

Totenbuch Buchenwald: Eintrag Dinges, Wilhelm Otto

Ayaß, Wolfgang: Die mit dem schwarzen Winkel, in: www.freitag.de (Aufruf Oktober 2017)

Artikel: Die Verfolgung der "Asozialen" im Nationalsozialismus, in: http://archiv.teilhabe-berlin.de/asozial.html (Aufruf Oktober 2017)

Recherche

Dr. Doris Lax