Stolpersteine in Kaiserslautern

Stolperstein-Initiative

Stolperstein Hermann Röper

Hermann Röper

„Dieses Bild war Zeuge, mein liebes Kind, von deines Vaters schwersten Tagen“

Mannheim, 30.1.1939

Diese Worte schrieb mein Urgroßvater, Hermann Röper während seines Gefangenschaftsaufenthaltes und richtete sich damit an meinen Großvater, Herbert Röper.

Herbert Röper

Das Bild meines Großvaters hatte meinen Urgroßvater, Hermann Röper während seiner Gefangenschaft Trost und Kraft gespendet, in schwierigen und qualvollen Stunden.

Wie kam er in diese notleidende Situation ?

Mein Urgroßvater Hermann Röper war Teil des Widerstandes der Arbeiterbewegung. Diese stellten sich von Beginn an gegen das NS-Regime. Zwar war die Widerstandsleistung des Arbeitermilieus weniger spektakulär als die der bekannten Beispiele Stauffenberg und Philipp von Böselager, allerdings mindestens genauso bedeutsam.

Die folgende Biographie steht exemplarisch für viele politische Oppositionelle, die Ähnliches oder gar Schlimmeres erleben mussten.

Mein Urgroßvater Hermann Röper wurde am 19.November 1892 in Hottenbach geboren, gehörte ab 1909 den freien Gewerkschaften und seit 1919 der SPD an.
Den 1. Weltkrieg hatte er als überzeugter Pazifist abgelehnt und flüchtete aufgrund dessen nach Brasilien, anschließend kehrte er nach Kaiserslautern zurück und engagierte sich beim Arbeiter-Samariter-Bund als Bezirksvorstand und gehörte der Arbeiterwohlfahrt an. Ebenso war er auch Mitglied des größten pro-republikanischen Verteidigungsbündnisses der Weimarer Republik: Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold.
Ab den Jahren 1930 lieferte er sich Straßenschlachten, in denen er von Nazis angegriffen und verletzt wurde.
Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 arbeitete Hermann Röper bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse Kaiserslautern AOK, als Krankenkontrolleur.
1933 wurde er als „politisch unzuverlässig und staatsfeindlich“ eingestuft und daraufhin fristlos entlassen. Die folgenden Jahre suchte mein Urgroßvater vergeblich nach einer neuen Arbeitsstelle.

Maria und Hermann Röper

Somit sah er sich auch dazu gezwungen, sein Haus unter dem Immobilienwert zu verkaufen, da er die Raten für das Darlehen nicht mehr aufbringen konnte.

In der Folge zog mein Urgroßvater, Hermann Röper 1939 zusammen mit seiner achtköpfigen Familie in die Schlageterstraße 124, heute Pariser Straße in die Wohnung über der Gastwirtschaft Hopfenblüte in Kaiserslautern.

Dort unterstützten meine Urgroßeltern, Maria und Hermann Röper ohne Arbeitserlaubnis den Gastwirt Friedrich Kennel, der aufgrund seines hohen Alters nicht mehr dazu in der Lage war die Hopfenblüte zu bewirten.

Gaststätte 'Hopfenblüte' Schlageterstraße 124, heute Pariserstraße

In den Jahren 1933 bis 1938 fanden illegaleTreffen der SAP Kaiserlautern unter anderem im Stadtteil Kotten und in der Hopfenblüte statt. Die Gastwirtschaft stellte einen wichtigen Rückzugsort für die Anhänger sozialdemokratischer Parteien dar. Hier trafen sich von nun an regelmäßig SAP-Mitglieder, um die Inhalte der Flugblätter zu besprechen und diese dann zu verteilen.

Besonders unauffällig konnten die Mitglieder der SAP dort bleiben, da hier die Inhalte der Flugblätter nur mündlich besprochen und nicht schriftlich festgehalten wurden. Somit konnten sie bis in die Jahre 1938 auch bei SS- Kontrollgängen unentdeckt bleiben.

Die SAP war eine linke Abspaltung der SPD, die sich vor allem für die Einheitsfront einsetzten und in der auch viele Sozialdemokraten aktiv waren.
Der SAP gelang es lange während der Zeit des Nationalsozialismus in der Pfalz aktiv Widerstand zu leisten.
Die Organisationen erstreckten sich über mehrere süddeutsche Städte. Neben Mannheim und Ludwigshafen am Rhein zählten auch Kaiserslautern sowie Frankfurt am Main und München zu den Widerstandsorten.

Die SAP Organisationen standen nicht nur innerhalb des Deutschen Reiches in Verbindung, sondern pflegten auch Kontakte zu Widerstandsgruppen im Exil.

Paris und Basel stellten dabei wichtige Stützpunkte da, an denen unter anderem der Hauptfunktionär der SAP Kaiserslautern Philipp Mees oft teilnahm. Hier wurden Flugblätter untereinander ausgetauscht, die in das Deutsche Reich geschmuggelt wurden.

Philipp Mees
Philipp Mees

Die Widerstandsarbeit gelang erfolgreich bis in den Oktober 1938, ehe die Mitglieder der Gruppe nach und nach verhaftet wurden. Mein Urgroßvater berichtete hierüber folgendermaßen: „Am 28. Oktober 1938 wurde ich wegen Vorbereitung zum Hochverrat (Bildung einer deutschen Widerstandsbewegung, der S.A.P.) verhaftet und erst nach viermonatlicher seelischer und körperlicher Misshandlungen seitens der Gestapo mangels Beweisen entlassen.
Durch meine und meiner Genossen (Philipp Mees, Richard Lenz, Georg Steiner) Verschwiegenheit wurden hunderte von illegalen Mitarbeitern vor Verhaftung, Tod und Dachau bewahrt. Nur der Genosse Mees, der von der Schweiz aus, wo er anlässlich einer illegalen Tagung weilte, verraten wurde, erhielt 3 ½ Jahre Zuchthaus und kam anschließend nach Dachau.“

In den folgenden Jahren wurde mein Urgroßvater, aufgrund seiner Widerstandsarbeit des öfteren verhaftet, da er in Verbindung mit anderen Attentate im Deutschen Reich gebracht wurde. Überdies erhielten meine Urgroßeltern einen Strafbefehl, weil sie in der Hopfenblüte arbeiteten ohne im Besitz einer Arbeitserlaubnis zu sein.

1940 wäre mein Urgroßvater Hermann Röper, beinahe in ein Konzentrationslager deportiert worden. Er entging diesem jedoch, da ihn ein Polizeiarzt aus Menschlichkeit haftunfähig schrieb. Hintergrund war hier das Attentat von Georg Elser auf Adolf Hitler.

Im Folge des berühmten Attentates auf Hitler im Juli 1944, sollte mein Urgroßvater Hermann Röper erneut verhaftet werden, befand sich aber als Zivilarbeiter der Wehrmacht in Frankreich.

Wie viele andere aus dem Widerstand, musste auch Hermann Röper nach 1945 um eine angemessene Entschädigung und Anerkennung kämpfen.

So beschwerte er sich im Zuge der Wiedergutmachung in Bezug auf, das Wiedergutmachungsgesetz folgendermaßen: „Besteht an sich schon keine Möglichkeit, einem Menschen die seelischen Qualen, die er 12 Jahre lang um seine und die Existenz seiner Familie erlitten hat, vergessen zu machen, so darf doch erwartet werden, dass ihm wenigstens in materieller Hinsicht ein gewisser Ausgleich geschaffen wird.“

Viele Widerstandskämpfer erhielten in der Zeit nach dem Nationalsozialismus keinerlei Anerkennung oder einen Ausgleich für ihr Handeln. Während ungerechterweise die meisten ehemaligen Nationalsozialisten und Mitläufer ungeschoren davon kommen und einige erneut eine politische Laufbahn, unter anderem in der SPD, einschlagen konnten.

Auch einige ehemalige Nationalsozialisten aus Kaiserslautern nutzten diese Möglichkeit und besetzten in den darauffolgenden Jahren sogar höhere politische Ämter.

All diese Ungerechtigkeiten müssen für meinen Urgoßvater beinahe unerträglich gewesen sein. Die Tatsache, dass Politiker, die vor ein paar Jahren noch als Nationalsozialisten Juden jagten und Widerstandskämpfer verrieten, sich nun als die überzeugten Demokraten im Stadtrat aufspielten, veranlasste meinen Urgroßvater gegenüber meinem Großvater Herbert Röper zur folgender Aussage:

„Aus einem ehemaligen Nationalsozialisten kann niemals ein überzeugter Demokrat werden.“

Recherche

Arlene Röper

Quellen und Literaturverzeichnis:

Quellen:

Arlene Röper, Facharbeit im Leistungskurs Geschichte, in den Jahren 2014/2015 zum Thema: „Arbeiterwiderstand in der Pfalz am Beispiel des SAP-Aktivisten Hermann Röper“

Unveröffentlichte Quelle:

Persönlicher Lebenslauf aus der Wiedergutmachung von Hermann Röper, 6.April 1947

Landesarchiv Speyer:

Akte der Geheimen Staatspolizei.

Geheime Staatspolizeistelle Neustadt an der Weinstraße

Betreff: Die illegale SAP

Stadtarchiv Kaiserslautern: Meldekartei, Hermann Röper

Bildquelle: Rückseite der Photographie, „Dieses Bild, war Zeuge, mein liebes Kind von deines Vaters schwersten Tagen, Mannheim 30.01.1939“

Darstellungen:

Wolfgang Müller, Philipp Mees (1901-1971) Eine biographische Skizze