Stolpersteine in Kaiserslautern

Stolperstein-Initiative

Dr. med. Julius Wertheimer und Tochter Bertha Wertheimer

Geboren am 12. März 1870 in Kaiserslautern

Gestorben am 10. November 1938 im Städtischen Krankenhaus Kaiserslautern um 23.30 Uhr durch Freitod (Überdosis Schlaftabletten Noctal) nach schwerer Misshandlung.

Familien-Einwohner-Register 10703:
Die Leiche wurde in Landau eingeäschert und im Grab von Helena und Simon Blum in Kaiserslautern beigesetzt (Ehefrau und Schwiegervater).

Wohnung und Praxis: Kaiserslautern, Klosterstraße 35 (heute: Gaustraße 1)

Dr. Julius Wertheimer war ein bekannter Armenarzt. Nach der Pogrom-Nacht drangen am Nachmittag des 10. November 1938 gegen 15.30 Uhr im Auftrag des Polizeidirektors zwei SS-Hilfspolizisten in seine Wohnung ein, um ihn in Schutzhaft zu nehmen. Bei der Verhaftung wurde die Haushälterin in die Küche gestoßen, Dr. Wertheimer wurde in sein Arbeitszimmer gedrängt und dort etwa eine viertel Stunde lang massiv misshandelt, darunter durch Schläge mit der Faust und mit einem schweren Porzellan-Aschenbecher auf den Kopf. Dieser blutete, Blut befand sich auch auf Schreibtisch, Vorhang und Teppich. Anschließend wurde Dr. Wertheimer aus dem Haus gezerrt und von einer johlenden Menge unter Schmährufen durch die Adolf-Hitler-Straße (heutige Eisenbahn-Straße) zum Polizeipräsidium getrieben. Dort schloss sich ein demütigendes Verhör an. Nach diesem wurde Dr. Wertheimer in einen Verwahrungsraum gesperrt. Hier nahm er in suizidaler Absicht eine Überdosis Schlafmittel (Noctal). Bewußtlos und schwerverletzt wurde er ins Kaiserslauterer Krankenhaus eingeliefert. Hier verstarb er noch am selben Abend um 23.30 Uhr.

Um Gerüchten vorzubeugen, sein Tod sei unmittelbare Folge von Misshandlungen, ließen Oberstaatsanwaltschaft und Gestapo seinen Leichnam am Gerichtsmedizinischen Institut der Universität Würzburg untersuchen. Sein Vermögen wurde eingezogen. Dr. Wertheimer hatte bereits 1933 für seine psychisch erkrankte Tochter Berta (oder Bertha) eine Pflegerin bestellt. Beide erlitten später ebenfalls den Tod.

Im Stadttagebuch vom 24.03.1949 wird von einer späten Sühne des ehemaligen Untersturmführers der SS berichtet, der zu drei Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt wurde wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.

Ehefrau Helena Wertheimer, geb. Blum

Geboren am 10. März 1872 in Niederkirchen
Gestorben am 06. September 1932 in Kaiserslautern

Kinder: Berta (Bertha) Lucia Sara Wertheimer

Geboren am 29. Dezember 1898 in Kaiserslautern
Gestorben am 20. September 1940 in der Tötungsanstalt Schloss Hartheim bei Linz

Verwendete Quellen:

A) Unterlagen im Stadtarchiv Kaiserslautern:
Familien-Einwohner-Register 10703
Familienforschung (Abt. B)
Melde-Datei 1916-1945 (A4 1930/31, A3 1938)
Personen-Datei
Stadttagebuch vom 24.03.1949, lfd. Nr. 22522

B) Im Internet:
VVN-BdA Kaiserslautern: Stadtrundgang (Innenstadt) und Spuren

C) Bücher:
- Debus, Karl Heinz: Die Reichskristallnacht in der Pfalz. LHA Koblenz (S 1069) (S. 489)
- Gerlach, Bernhard H. & Paul, Roland: Kaiserslauterer Juden als Opfer der Verfolgung in der Nazizeit 1938-1945, 1. Fassung 1990, 7. Fassung 1999.
- Scherer, Karl; Linde, Otfried & Paul, Roland (1998): Psychiatrie im Nationalsozialismus: Die Heil- und Pflegeanstalt Klingenmünster 1933-1945. Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde, Kaiserslautern.
- Friedel, Heinz (1998): Kaiserslautern. Von der Kaiserzeit bis zur Universitätsgründung. Geschwister Schmidt Verlag, Kaiserslautern.
- Kirsch, Hans (2007): Sicherheit und Ordnung betreffend: Geschichte der Polizei in Kaisers- lautern und in der Pfalz 1276-2006. Band 1 von Studien zur pfälzischen Geschichte und Volkskunde. Verlag Historischer Verein der Pfalz, Bezirksgruppe Kaiserslautern.

D) Gespräche:
- E-Mail-Anfrage bei der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz am 05.04.2013 (ohne Antwort)
- Gespräch mit der Jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz in Speyer, tel. 08.04.2013
- Gespräch mit Frau Dorothea Wertheimer, Kaiserslautern, tel. 23.04.2013
- Auskunft von Prof. Dr. med. W.F. Kümmel, UNIVERSITÄTSMEDIZIN der Johannes
Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, E- Mail vom 06.06.2013

E) Kommentare nach Ende der Recherchen:
Die Durchsicht und der Vergleich von verschiedenen schriftlichen Dokumenten zeigen, dass etliche Darstellungen bzw. Behauptungen zum Lebensende von Dr. Julius Wertheimer und seiner Tochter Berta Wertheimer nicht korrekt, ja auch sich widersprechend falsch sind. Auf solche Stellen sei hier abschließend gezielt hingewiesen, auch um zukünftig die Fehler nicht weiter fortzuschreiben.

FALSCH: „Wohnung und Praxis von Dr. Julius Wertheimer wurden in der Pogromnacht vom 09./10.11.1938 aufgebrochen.“
RICHTIG: Am Nachmittag des 10. November 1938 gegen 15.30 Uhr drangen zwei SS-Hilfspolizisten (Namen in H. Kirsch 2007 benannt) in die Wohnung ein, um Dr. Wertheimer im Auftrag von Polizeidirektor Beuschlein in Schutzhaft zu nehmen. Bei der Verhaftung wurde die Haushälterin in die Küche gestoßen, Dr. Wertheimer wurde in sein Arbeitszimmer gedrängt und dort etwa eine viertel Stunde lang massiv misshandelt, darunter durch Schläge mit der Faust und mit einem schweren Porzellan-Aschenbecher auf den Kopf. Dieser blutete, Blut befand sich auch auf Schreibtisch, Vorhang und Teppich. Anschließend wurde Dr. Wertheimer aus dem Haus gezerrt und von einer johlenden Menge unter Schmährufen durch die Adolf-Hitler-Straße (heutige Eisenbahn-Straße) zum Polizeipräsidium getrieben. Dort schloss sich ein demütigendes Verhör an. Nach diesem wurde Dr. Wertheimer in einen Verwahrungsraum gesperrt. Hier nahm er in suizidaler Absicht eine Überdosis Schlafmittel (Noctal). Bewußtlos und schwerverletzt wurde er ins Kaiserslauterer Krankenhaus eingeliefert. Hier verstarb er noch am selben Abend um 23.30 Uhr.

FALSCH: Die Tochter Berta (Bertha) Lucia Wertheimer, geboren am 29. Dezember 1898 in Kaiserslautern, sei „am 03. Dezember 1940 in Cholm / Chelm (Reichsanstalt) bei Lublin in Polen gestorben.“
RICHTIG: Berta Wertheimer war psychisch krank (manisch depressiv) und wurde 1934 zwangssterilisiert. Zwischen 1926 und1939 war sie wiederholt in der Heilanstalt in Klingenmünster, dann am 10.09.1939 in Erlangen und am16.09.1940 in Eglfing-Haar bei München. Von hier wurde sie in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim bei Linz gebracht und starb dort am 20. September 1940. Zur Verschleierung der Tötung sowie zu Ort und Zeitpunkt der Tötung wurde in vielen Verwaltungen von Tötungsanstalten der falsche Todesort Cholm / Chelm bei Lublin in Polen in die Sterbe-Papiere eingetragen, die an die Herkunftsorte gesandt wurden.

Aufgestellt:

Dr. med. Elisabeth Helb,
PD Dr. rer.nat.habil. Hans-Wolfgang Helb
Pfaffenbergstr. 43, 67663 Kaiserslautern
11.03.2013 – 13.04.2014