Anna Maria Brück, geb. Diehl, Ludwig Brück und Alfred Karl Brück
Von Verena Lörsch und Georg Emme.
Kaiserslautern, August 2025
Mit großen Augen, fein gekämmtem Haar und in einem schicken Anzug schaut Alfred Karl Brück in die Kamera. Das Foto der jüdischen Sonderklasse der Röhmschule in Kaiserslautern im Frühjahr 1938 zeigt den Jungen (letzte Reihe, 2. von links) umringt von seinen jüdischen Schulkameraden- und -Kameradinnen. Ein Foto, ein Name – unser erster Anhaltspunkt, dem Schicksal der Familie Brück nachzuspüren.

Die Familie Brück – das sind zunächst Vater Ludwig Brück, geboren am 15.11.1885 in Feilbingert bei Bad Kreuznach, und die Mutter Anna Maria Brück, geb. Diehl am 28.02.1897 in Kaiserslautern. Er Jude, sie Protestantin – wie die Kennkarten des Kaiserslauterer Stadtarchivs zeigen. Ihre Hochzeit am 30. Januar 1923 in Kaiserslautern ist zugleich der Beginn einer sogenannten „Mischehe“, (wie die Nationalsozialisten diese Eheform nach 1933 nannten), aus der bereits am 3. Juli 1923 Alfred Karl Brück als einziges Kind hervorgegangen ist.

Unsere Erkenntnisse über das Leben der Familie Brück setzen sich hauptsächlich aus den Erzählungen der Nachfahren von Alfred Brück, Dokumenten aus dem Arolsen-Archiv und dem Kaiserslauterer Stadtarchiv zusammen. Die Familie Brück war bis zur Emigration in die USA in Kaiserslautern in der Pariser Straße 154 gemeldet. Hier werden auch die Stolpersteine für sie verlegt.

Die Brücks und ihr Leben in Kaiserslautern
Familie Brück lebte vor Kriegsbeginn in Kaiserslautern. Als Beruf ist in den Kennkarten von Vater Ludwig Brück „Kaufmann“ angegeben. Seine Arbeit hatte Ludwig Brück schon 1936 verloren, er war Buchhalter und konnte sich so mit Gelegenheitsjobs finanzieren.
Sein Sohn Alfred arbeitete nach Auflösung seiner Schulklasse 1938-1939 als Landarbeiter in Obermoschel. Vermutlich durch die Vermittlung der großen Verwandtschaft des Vaters. Denn als Arbeitgeber findet sich der Vermerk „O. Brück“ in den Akten, was wohl für Oscar Brück (1880-1942) den Bruder des Vaters steht. Der Onkel und dessen Frau Jenny wurden später nach Gurs deportiert und von dort aus am 26.1.1942 in das Lager Récébédou, von dort über Drancy nach Auschwitz. Beide wurden ermordet.
In späteren Jahren durfte sich Alfred Brück als staatlich geprüfter Landwirt bezeichnen, so ist es in den Quellen vermerkt.
Wie die Nationalsozialisten Ludwig Brück verfolgten
Nach der Progromnacht 1938 wurde Vater Ludwig Brück, wie auch andere Kaiserslauterer Juden, im Konzentrationslager Dachau inhaftiert und am 1.12.1938 wieder entlassen. So steht es in einem Schreiben der städtischen Betreuungsstelle Kaiserslautern, die Ludwig Brück nach dem Krieg als „Opfer des Nationalsozialismus“ anerkennt. Er hat sich vermutlich vor Verfolgung verstecken müssen – so wurde auf einem Schreiben der Internationalen Flüchtlingsorganisation (IRO) notiert: „Depuis 2/44 pour se cacher devant la Gestapo et ainsi èviter les persècutions“ (Seit 2/44 hat er sich vor der Gestapo zu verstecken versucht, um so der Verfolgung zu entgehen). Aufgehalten hat er sich möglicherweise immer wieder auf dem Amoshof – ein abgelegener Bauernhof bei Niederkirchen im Kreis Kaiserslautern.

Quelle: Google
Doch musste auch Sohn Alfred – hervorgegangen aus einer „Mischehe“ – mit der Verfolgung durch die Nationalsozialisten rechnen? Wie im Reichsgesetzblatt vom 14.11.1935 festgeschrieben wurde, nannte man eine Beziehung, in der der Vater jüdisch und die Mutter „deutschblütig“ war, eine „Mischehe“. Für Kinder aus diesen Beziehungen galt, dass eine „Unterbringung“ vorläufig nicht erforderlich sei, da diese Kinder später im Arbeitsdienst und in der Wehrmacht eingesetzt werden sollten. Kurz vor Kriegsende 1945 ließ man doch alle Rücksicht fallen. Die arbeitsfähigen Juden aus den Mischehen wurden zum sogenannten „geschlossenen Arbeitseinsatz“ in das KZ Theresienstadt überstellt. Kinder aus Mischehen erlebten in Nazi-Deutschland Anfeindungen und wurden oft aus fadenscheinigen Gründen in Schutzlager verwiesen.
Alfred Brück im Arbeitseinsatz
Alfred Brück wurde 1939 bis 1941 zunächst in Groß Breesen in Oberschlesien zum Arbeitseinsatz eingeteilt. Groß Breesen (Brezno Trzebnica) war ein nicht-zionistisches Ausbildungslager für junge deutsche Juden. Das Lager wurde 1936 von der damaligen Reichsvertretung der Deutschen Juden in Reaktion auf die beginnende Judenverfolgung eingerichtet.

Quelle: Landwerk Neuendorf im Sande
Danach folgte ein weiterer Zwangsarbeitereinsatz in Fürstenwalde, östlich von Berlin. In dieser Ausbildungsstätte, dem Landwerk Neuendorf, sollten junge Menschen darauf vorbereitet werden, eine neue Existenz außerhalb Deutschlands aufzubauen. In Kursen wurden landwirtschaftliche, handwerkliche und hauswirtschaftliche Arbeiten unterrichtet.
Die Stolperstein-Initiative in Fürstenwalde schreibt darüber, dass das Landwerk Neuendorf im Sande von den Nationalsozialisten in ein Zwangsarbeiterlager umgewandelt wurde. Dort wurden demnach Jugendliche aus unterschiedlichen Haschara-Lagern inhaftiert. Auch der spätere Fernsehmoderator Hans Rosenthal leistete dort Zwangsarbeit.

Von dieser Ausbildungsstätte auf dem Gut Neuendorf im Sande im brandenburgischen Fürstenwalde gibt es auch Fotos. Wie allerdings die Wohnverhältnisse dort wirklich waren, ist nicht bekannt. Wie die Unterlagen des Arolsen-Archives darlegen, war Alfred Karl Brück in Fürstenwalde von April 1941 bis Dezember 1941 eingesetzt und soll 45 Reichsmark sowie Kost und Logis erhalten haben.


(c) H. Lordick
Amoshof/ Niederkirchen bei Kaiserslautern
Alfred Brück kehrte nach seinem Arbeitseinsatz in seine Heimat Kaiserslautern zurück. Auf dem Amoshof bei Niederkirchen in der Westpfalz, wurde Alfred erneut zur Landarbeit eingesetzt. Es ist dieser, sehr einsam gelegene Bauernhof, geführt von einem „Z. Steil“, von dem aus Alfred Brück am 16.3.1945 – vierzehn Tage vor Einmarsch der Amerikaner – in das KZ Theresienstadt deportiert wird. Wie ein Zeitzeuge auf dem Amoshof berichtet, wurde neben Alfred Brück auch eine jüdische Frau mit abgeholt.

Nach Kriegsende wurde Alfred Brück in Theresienstadt „befreit“ und kehrte nach Kaiserslautern zurück. Bemerkenswerter Weise arbeitete Alfred Brück daraufhin freiwillig wieder auf dem Amoshof für – laut den Akten – 50 DM plus Verpflegung.

Emigration der Familie Brück in die USA
In einem „Hilfegesuch“ – einen speziellen Fragebogen für Geflüchtete, die umgesiedelt werden wollen – wenden sich die Brücks 1949 an die Internationale Flüchtlingsorganisation (IRO) in Genf. Die Organisation hat zwischen 1947 und 1952 die Ansprüche tausender europäischer Geflüchteter auf eine Umsiedlung geprüft. Ein Stempel oben auf dem Hilfegesuch bescheinigt „Eligible“ – die Brücks haben demnach das Recht auf eine Umsiedlung zugesprochen bekommen.
In einer Erklärung Ludwig Brücks gegenüber der Flüchtlingsorganisation im Juli 1949 erklärt er, sein Sohn besuche noch eine landwirtschaftliche Höhere Schule, sei für die Ausreise beim US Konsulat in Frankfurt a.M. bereits angemeldet. „Die Einwanderungsbürgschaft wurde durch Verwandte in USA gestellt und liegt beim Konsulat vor.“
Alfred Brück stellte laut den Akten Ende 1950 ein weiteres Hilfegesuch bei der IRO.
Das Arolsen-Archiv hat die Unterlagen bereitgestellt, die für eine Auswanderung nach USA – nach dem 2. Weltkrieg – erforderlich waren. Als Displaced Persons (amtsdeutsch: heimatlose Ausländer) gehörte die Familie Brück zu den 2,1 Millionen Auswanderern, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA übergesiedelt sind. Nachdem zuerst die Besatzungsmächte die Einreise sanktionierten, dann eine Einreise nach Gründung der BRD vereinfachten, bot sich auch für die Familie Brück die Chance, in die USA zu emigrieren.
Dies war dennoch mit enormen Kosten verbunden und ein Neubeginn in den USA nur mit Hilfe von Verwandten dort möglich. Vermutlich konnte der Onkel Siegmund Brück, der bereits im Juli 1937 in die USA geflüchtet war, helfen.
Anfang 1951 brach Alfred Brück dann seine Zelte in Kaiserslautern ab. Wie es die Einbürgerungsurkunde darlegt, setzte er von Bremerhaven in einem Transportschiff der US Navy „USS General R. M. Blatchford“ in die USA über und kam am 31. März 1951 in New Orleans, Louisiana (USA), an. Seine Einbürgerung beantragte er am 22. August 1951 in einem Büro des US District Courts in Denver, Colorado (USA), wo er fortan auch lebte. Zu diesem Zeitpunkt gab er an, als Bäcker zu arbeiten.
Seine Eltern folgten ihm kurz darauf in die USA, wo Familie Brück den Rest ihres Lebens verbrachte. Die Eltern Ludwig Brück und Anna Maria Brück starben beide 1970, Alfred Brück am 03.02.2001 in Medon, Illinois (USA).
Fazit:
„Mischehen“ waren kein Schutz vor der nationalsozialistischen Verfolgung. Der durchorganisierte Staat hätte sicherlich – wenn er noch länger existiert hätte – weiter durchgegriffen. Wahrscheinlich war es sehr schwierig für die Eltern des Alfred Brück, unbeschadet durch diese Zeit zu kommen. Möglicherweise haben sie von Bekannten oder Freunden Hilfe erhalten, um irgendwo „unterzukommen“, womöglich auf dem Amoshof. Es gibt keinerlei Anhaltspunkte, ob Anna Maria Brück, die evangelisch war, persönlich verfolgt wurde. Sicherlich hat sie aber die psychischen Belastungen der Familie mitgetragen, die diese wegen der „Mischehe“ erleiden musste. Dass sie die Ehe trotz dieser enormen Belastungen fortgesetzt hat, macht Anna Maria Brück zu einer bewundernswerten Frau. Die Geheimhaltung und das Verbergen ihres Mannes über Jahre hinweg: eine große Leistung.
Die Entscheidung, die Heimat zu verlassen und in die USA – also quasi ins Ungewisse zu gehen – hat einige Jahre gedauert. Nach Kriegsende 1945 war die Verwaltung nicht mehr intakt und der Aufbau der Jüdischen Auswanderungsbehörde ging erst nach Gründung der Bundesrepublik voran. Das dürfte die vergleichsweise späte Abreise in die USA 1951 erklären.
