Recherche: Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses Geschichte am Burggymnasium Kaiserslautern, Lehrerin: Sonja Mühle (genaue Angaben unten)
Am 23. August 2026 wurden in der Karcherstraße 8 in Kaiserslautern vier Stolpersteine gelegt für
- Siegfried Samuel Hoffstadt,
- Veronika Hoffstadt, geborene David und ihre Kinder
- Ellen Rosa und
- Hans
Über das Leben der Familie Hoffstadt in Kaiserslautern finden sich nur begrenzt Informationen, nur wenige Zeugnisse sind erhalten. Zur Familie gehörten der Vater Siegfried Samuel Hoffstadt, der am 5. Januar 1889 in Burg-Gräfenrode bei Frankfurt am Main geboren wurde, und die Mutter Veronika Vera Hoffstadt, geborene David, die am 17. Februar 1893 in Wesel zur Welt kam. Aus welchem Grund die beiden im Jahr 1919 nach Kaiserslautern kamen, ist nicht bekannt. Gemeinsam bauten sie sich eine solide Existenz auf und bekamen zwei Kinder: Die Tochter Ellen Rosa kam am 10. August 1920 auf die Welt, der Sohn Hans Adolf am 26. August 1921.
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Die Familie lebte zunächst in der Markstraße 37, wo Siegfried Hoffstadt ein Geschäft für Manufaktur- und Modewaren führte. 1931 erwarb er dieses Haus in der Karcherstraße 8, was als Zeichen für den Erfolg des Kaufmanns gewertet werden kann. Seine Ehefrau Veronika führte vermutlich den Haushalt und kümmerte sich um die Kindererziehung, ein Beruf ist für sie nicht dokumentiert. Die Tochter Ellen besuchte zunächst die Höhere Weibliche Bildungsanstalt (HWB) – das heutige Burggymnasium, 1935 zieht sie als Schülerin nach Frankfurt/Main und erlernt dort wohl ihren späteren Beruf als Krankenpflegerin [1]. Darüber, welche Kaiserslauterer Schule der Sohn Hans besuchte, gibt es keine Aufzeichnungen.

Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler 1933 und der dann folgenden schrittweisen Errichtung der Diktatur änderte sich das Leben der Familie Hoffstadt wie das aller jüdischen Bürger drastisch. Der Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 markierte auch in Kaiserslautern den Beginn der staatlich gelenkten Verfolgung der jüdischen Bevölkerung im NS-Staat. Der sogenannte „Judenboykott“ traf den erfolgreichen Kaufmann Siegfried Hoffstadt und seine Familie schwer. Obwohl die Aktion offiziell nach einem Tag beendet wurde, leitete sie eine dauerhafte soziale und wirtschaftliche Isolation und die systematische Verdrängung jüdischer Geschäftsleute aus dem Wirtschaftsleben ein. Durch die Präsenz der SA vor seinem Laden und die gesellschaftliche Ausgrenzung verlor vermutlich auch sein Mode- und Manufakturwaren-Geschäft Stammkunden.
Als jüdische Familie wurde auch die Familie Hoffstadt in Kaiserslautern durch die Nürnberger Gesetze rechtlich ausgegrenzt. In diesem feindlichen Klima plante die Familie für ihre Tochter laut Gestapo-Notiz [3] bereits 1937 die Auswanderung, die allerdings nicht vollzogen wurde. Wie alle Juden musste Siegfried ab 1939 den zusätzlichen Namen „Israel“ führen und Veronika den Namen „Sara“. Ab dem 1.1.1939 war ihm als jüdischer Geschäftsmann der Betrieb seines Geschäfts gänzlich untersagt. Damit verlor die Familie Hoffstadt ihre Lebensgrundlage und erlebte eine existenzbedrohende Situation. Die sicher tiefste Angst und Verunsicherung auslösende zunehmende Gewalt gipfelte am 9. November 1938 in der Reichspogromnacht, in deren Folge die Entrechtung der jüdischen Bevölkerung radikal vorangetrieben wurde. Dies war die erste offene, systematische Zerstörung der jüdischen Existenzen in ganz Deutschland.
In Kaiserslautern wurden die Wohnungen der jüdischen Familien gestürmt, sie wurden misshandelt und gedemütigt und fast alle jüdischen Männer wurden in das Konzentrationslager Dachau verschleppt, um sie psychisch zu brechen, zur Aufgabe ihres Eigentums und zur Emigration zu zwingen. Auch Siegfried Hoffstadt wurde verhaftet und musste mehr als zwei Monate Haft erleiden [4]. In dieser Zeit waren Ellen und Veronika Hoffstadt plötzlich auf sich allein gestellt und mussten mit den alltäglichen Anfeindungen leben. Die Unsicherheit, nicht zu wissen, wie es Siegfried geht und ob dieser noch lebt, muss sehr schwer zu ertragen gewesen sein. Es ist unklar, ob Hans von der Verhaftung seines Vaters wusste, denn er befand sich zu dieser Zeit schon nicht mehr in Kaiserlautern, sondern war ab 1936 in Düsseldorf gemeldet [5]. Mit nur 15 Jahren war er 1936 nach Düsseldorf gezogen, möglicherweise zu Verwandten der Mutter. Es ist zu vermuten, dass er dort eine Ausbildung als Elektrotechniker begann oder weiter eine Schule besuchte [6]. Mehr als 300 Kilometer von zu Hause entfernt, war Hans plötzlich auf sich allein gestellt. Für seine Familie dürfte dieser Abschied schmerzhaft gewesen sein – begleitet von der Ungewissheit, ob sie sich je wiedersehen würden. Dieser Umzug zeigt besonders, wie unsicher sich die Familie in Kaiserslautern fühlte, sodass sie ihren jüngsten Sohn retten wollten.
Unter dem massiven Druck des NS-Regimes war auch die Familie Hoffstadt gezwungen, im Zuge der „Arisierung jüdischen Besitzes“ ihr Haus weit unter Wert zu verkaufen. Es ist beschämend, den Brief eines Kaiserslauterer Bürgers zu lesen, der bereits fünf Tage nach der Reichspogromnacht an die Kreisleitung der NSDAP schrieb, um sich für den Kauf „des Wohnhauses des Juden Hoffstadt“, dieses Hauses hier, zu bewerben. Nicht wenige versuchten, aus dem Leid ihrer jüdischen Mitbürger Profit zu schlagen, wollten ihre Wohnhäuser günstig kaufen und sich einen eigenen Vorteil verschaffen, wovon Briefe im Stadtarchiv zeugen.
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1939 verließen die Hoffstadts Kaiserslautern. Wie viele andere jüdische Familien zogen auch sie in vermeintlich sicherere Großstädte, in der Hoffnung, sich in der größeren Anonymität der Verfolgung und Gewalt besser entziehen zu können. Sie sind zunächst in Köln, dann in Berlin gemeldet. Doch ihr Leben war bedroht, unruhig und von Unsicherheit geprägt. Sie mussten häufig die Wohnung wechseln, ein sicheres Heim fanden sie nicht mehr. [7]
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Die Deportation nach Kaunas (November 1941)
In Berlin waren Rosa und ihre Eltern den eskalierenden Gräueln schutzlos ausgeliefert. Im Oktober 1941 begannen dann die systematischen Massendeportationen jüdischer Bürgerinnen und Bürger aus dem Deutschen Reich. Detaillierte Listen halten fest, dass im Herbst 1941 insgesamt 7034 Juden aus Berlin in den Osten deportiert werden. [8]
Im November 1941 wurde auch Familie Hoffstadt für den Transport bestimmt. Aus Angst und in dem verzweifelten Versuch, jener drohenden Gefahr zu entkommen, versuchte die Familie Hoffstadt im November 1941, der Deportation zu entgehen, indem sie schwere gesundheitlichen Einschränkungen durch ärztliche Atteste dokumentieren ließen, wobei die tatsächliche Wahrheit oder das Ausmaß dieser Einschränkungen nicht bekannt sind. Alle drei Atteste wurden von Dr. med. Ernst Hirschfeld in Berlin ausgestellt [9] – sie konnten das Schicksal der Familie nicht abwenden.
Vom Bahnhof Grunewald aus wurde sie am 17. November 1941 [10] in einem völlig überfüllten Zug nach Kowno, das heutige Kaunas, in Litauen deportiert. Die mehrtägige Fahrt fand unter qualvollen Bedingungen statt [11]. Am 21. oder 23. November 1941 traf der Berliner Zug gemeinsam mit Transporten aus München und Frankfurt am Main in Kowno in Litauen ein [12].
Das Massaker im Fort IX und die Täter
Siegfried, Veronika und Ellen erlitten schreckliche und verängstigende Tage, bis sie am 25. November 1941 in den Festungsgräben des Forts IX von einem Einsatzkommando unter der Leitung des SS-Standartenführers Karl Jäger kaltblütig erschossen wurden. Allein an diesem Tag wurden alle 2934 deportierten Juden hingerichtet. [13]


Die letzten Stunden der Familie
Wie grausam die letzten Stunden für Familie Hoffstadt waren, wissen wir durch die Berichte des damals 13-jährigen Kuki Kopelman, dem einzigen Überlebenden dieses Massakers [15].
Die Gefangenen mussten sich vollständig entkleiden, Widerstand wurde sofort mit brutaler Härte bestraft. Nackt, gedemütigt und von Todesangst ergriffen, wurden Ellen, Veronika und Siegfried Hoffstadt mit all den anderen Opfern zu einer riesigen Grube getrieben und erschossen. Ihre letzten Tage und Minuten waren erfüllt von unvorstellbarem Leid, Angst und tiefster Verzweiflung. Wir fragen uns, ob sie wenigstens gemeinsam in den Tod gehen und sich ein letztes Mal umarmen konnten.
Karl Jäger [16] meldete am 1. Dezember 1941 triumphierend nach Berlin, Litauen sei „judenfrei“. Die Opfer tauchen in seinem menschenverachtenden Bericht nicht mit Namen auf, sondern werden in statistischen Tabellen emotionslos nach Männern, Frauen und Kindern aufgeteilt.
Kowno wurde durch die Deutschen zu einem Ort des Schreckens gemacht, an dem Siegfried, Veronika und Ellen Hoffstadt gemeinsam ermordet wurden. Ein steinernes Denkmal am ehemaligen Südeingang sowie ein 1959 eröffnetes Museum im Fort IX erinnern an die Opfer dieser unmenschlichen Verbrechen.
Als einzigem Mitglied seiner Familie gelang Hans Hoffstadt die Flucht vor der NS-Verfolgung und der Deportation.

Er entkam 1939 über die USA nach Chile. Ab dem 23.10.1941 war Juden dann die „Ausreise“ verboten, sein Vater, seine Mutter und seine Schwester konnten den Gräuel der Nationalsozialisten nicht mehr entgehen. Er selbst war bei seiner Flucht erst 18 Jahre alt. In Chile lebte er 10 Jahre, baute er sich ein neues Leben auf und heiratete In 1947 seine Frau Gerda, geborene Freundlich. Sie gehörte ebenfalls dem jüdischen Glauben an. Gemeinsam hatten sie zwei Kinder: Eine Tochter namens Avita Vera, die am 1.7.1951 zur Welt kam, und einen Sohn namens Dan, der vermutlich 1956 geboren wurden. Beide kamen in Haifa, Israel auf die Welt, wohin Hans und Gerda 1949 von Chile aus ausgewandert waren. Hans und seine Frau kamen mit ihrer Tochter 1953 zurück nach Deutschland und sind bis 1955 in Kaiserslautern gemeldet. Danach führte ihr Weg über Österreich zurück nach Haifa. Hans Hoffstadt starb am 24.5.1984 in Berlin, wobei unklar ist, ob er dort zuvor länger gelebt hat. Seine Frau Gerda lebte zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr [17].
Mit der Verlegung der Stolpersteine am ehemaligen Zuhause der Familie sind die Namen Siegfried Samuel, Veronika Vera, Ellen Rosa und Hans Hoffstadt in unsere Mitte zurückgekehrt und ihr Andenken wird vor dem Vergessen bewahrt.
Dabei wissen wir, dass wir mehr tun müssen, als zu gedenken. Erinnern ist Arbeit für die Gegenwart und die Zukunft, um für Demokratie, Toleranz und Menschlichkeit einzustehen [18].
Quellen
1 Arolsen Archives, T/D-Fallablage Dok.-ID. 90273438 Bestand 6.3.3.2; Meldekarte der Stadt Kaiserslautern
2 Fotographie aus dem Stadtarchiv
3 Arolsen Archives, Karteikarte der Gestapo Koblenz. Dok.-ID. 29142221, Bestand 1.2.3.3
4 https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1075972; Verhaftung am 12.11., Entlassung am 16.12.1938
5 Meldekarte der Stadt Kaiserslautern
6 In der Sterbeurkunde von Hans Hoffstadt wird als Beruf „Ingenieur“ angegeben. Vgl. Sterberegister Berlin
7 Dies belegt die Meldekarte der Familie aus Berlin, die den Zuzug über Köln dokumentiert.
8 https://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_ber_ot1-7.html. Die Liste zum VI. Transport am 17.11.1941 ist nicht erhalten.
9 Siegfried Samuel Hoffstadt litt laut dem Attest vom 10. November 1941 an einem Nabelbruch, bei dem beim Pressen Eingeweide „in Faustgröße austraten“. Veronika Sara Hoffstadt war von einer angeborenen Lähmung des rechten Arms betroffen, der „um 3 cm verkürzt und in seiner Gebrauchsfähigkeit stark beeinträchtigt“ war. Ellen Sara Hoffstadt, damals 21 Jahre alt, litt an den Spätfolgen einer „im Alter von vier Jahren durchgemachten spinalen Kinderlähmung“, die zu einer „Lähmung und Muskelatrophie des gesamten Beines sowie zu einer starken Gehbehinderung“ führte.
Quelle: https://blha-recherche.brandenburg.de/de/#/details/viewer/1990688?selectedId=1990688
10 https://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_ber.html
11 https://blha-recherche.brandenburg.de/de/#/details/viewer/1990688?selectedId=1990688 siehe Seite 48-52
12 Die Ankunftsorte – das Ghetto und Fort IX – wurden von der deutschen Wehrmacht und der SS kontrolliert. Das Ghetto wurde 1943 in das Konzentrationslager Kowno umgewandelt, in dem im Laufe der Jahre rund 50.000 Menschen, zumeist jüdischer Herkunft, in Massenexekutionen/Erschießungen ermordet wurden.
13 Jäger bezeichnet die deportierten Juden zynischerweise als „Umsiedler aus Berlin, München und Frankfurt am Main“, https://phdn.org/archives/www.david-irving.de/jaeger.html; keiner der Deportierten aus Frankfurt, München und Berlin überlebte.
14 https://phdn.org/archives/www.david-irving.de/img/jaeger/jaeger7.gif
15 https://www.zeit.de/2012/05/SS-Jaeger/seite-2
16 Die Grausamkeit dieser Tat spiegelt sich in der Sprache dieses Dokuments wider, sie ist durch und durch menschenverachtend. Das Morden wird durch Tarnwörter wie „liquidieren“, „umlegen“ oder „Exekution“ zu einer rein technischen Maßnahme uminterpretiert.
17 Sterbeurkunde der Stadt Berlin
18 Vgl. Pau (Die Linke); https://www.bundestag.de/webarchiv/textarchiv/2011/36865616_kw48_pau-207110
Folgende Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses Geschichte am Burggymnasium Kaiserslautern haben die Biographie der Familie recherchiert:
Efe Baygus, Lea Bergen, Lino Christmann, Theodor Ehmen, Sibel Fakili, Leo Kehrer, Youssef Mani, Samuel Reese, Willi Schildwächter, Lena Schott, David, Schröer, Sofia Yang.
Die Recherche fand im Schuljahr 2025/26 unterrichtsbegleitend unter der Leitung der Lehrerin Sonja Mühle statt. Ein besonderer Dank gilt Herrn Gemar vom Stadtarchiv Kaiserslautern, der das Projekt maßgeblich unterstützte. Er führte den Kurs in die Archivarbeit ein und machte das Projekt zu einer wertvollen Lernerfahrung. Für dieses Engagement bedanken wir uns herzlich.






