Biografie der Familie Weiler

Recherche: Georg Emme

Stolpersteine der Familie Weiler, Ecke Fackelstraße/Kerststaße am 23.08.2026 gesetzt für:

Jenny Weiler, geb. Schlachter geboren am 07.11.1889 in Merchweiler/Saarland, gestorben am 29.06.1969 in Kaiserslautern

Fritz Weiler, geboren am 06.11.1888 in Gemünden, gestorben 03.10.1967 in Kaiserslautern

Erich Artur Weiler, geboren am 20.03.1915 in Kaiserslautern, gestorben 17.09.1995 in Mannheim

Zwei Familien – großes Leid, Verfolgung, Ausgrenzung und Ermordung

Jenny Weiler, geb. Schlachter wird am 07.11.1889 im Saarländischen Merchweiler in eine sehr große jüdische Familie geboren. Eine Familie, die im Holocaust, wie andere sehr gelitten hat. Die älteste Schwester Adele Adelheid, verheiratet mit dem Weinhändler Isidor Löb wurde 1944 in Auschwitz ermordet wie auch ihre Schwester Elma in Frankreich. Für Jenny Weiler war klar, dass nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten keine gute Zukunft zu erwarten ist. Sie erkannte schon früh die zunehmende Bedrohung für jüdische Familien und drängte deshalb auf die Aufgabe des Geschäfts und eine Auswanderung nach Palästina. Die Familie Schlachter aus Merchweiler – eine typische Familiengeschichte einer jüdischen Familie dieser Zeit.

Fritz (Friedrich) Weiler ist der jüngste Sohn einer jüdischen Familie aus Gemünden im Hunsrück. Im 19. Jahrhundert machte hier der jüdische Bevölkerungsanteil zeitweise 20 % aus. Daher stammt auch der Name „Klein-Jerusalem“ im Hunsrück. Friedrich Weilers Vater, Zacharias Weiler, wurde 1942 in Theresienstadt ermordet. Die Mutter von Friedrich Weiler war schon 1930 verstorben. Seine drei Geschwister Rosa, Markus (Max) und Hermann wurden in anderen Konzentrationslagern ermordet. Die Geschichte der Familie Weiler ist geprägt, wie die der Familie Schlachter.

Wer war Erich Artur Weiler?

Erich Artur Weiler stammt beidseitig aus großen jüdischen Familien. Erich Arturs Vater, Friedrich (Fritz) Weiler wird am 06.11.1888 in Gemünden im Hunsrück geboren. Seine Mutter, Jenny Weiler, geborene Schlachter am 07.11.1889 im saarländischen Merchweiler. Die Hochzeit der Eltern findet am 13.05.1914 in Kaiserslautern statt. Seit der Eheschließung lebt die Familie in Kaiserslautern. Der Sohn, Erich Artur Weiler, wird am 20.03.1915 in Kaiserslautern geboren. Die junge Familie wohnt bis 1925 in verschiedenen Wohnungen und zuletzt in der Fackelstraße 1. Das Gebäude ist bis zur Abreise nach Palästina der Standort des Weiler’schen Kurzwaren-Geschäfts.

©Stadtarchiv Kaiserslautern

Blick zurück auf das Geschäftshaus

Das Geschäftshaus Fackelstraße 1 – an der Kreuzung Fackelstraße/Kerststraße –  hat eine sehr lange und bewegte Geschichte. Erbaut wurde das Gebäude in den 1820er Jahren, als Kaiserslautern seit der Zugehörigkeit zu Bayern regelrecht boomte. Und in diesen mehr als 100 Jahren, war in dem Geschäftshaus auch ein Gasthaus, der „Bayerischer Hof“. Verkehrsgünstig gelegen, waren seit den 1920er Jahren sehr viele kleinere Geschäftstreibende ansässig. Ein Kohlenhändler, ein Nähmaschinenverkauf der Firma Pfaff, ein Schuhhaus, ein Schneider und Polsterer, ein Herrenbekleidungsgeschäft,  ein Lebensmittelgeschäft und weitere. Das Weiler’sche Kaufhaus war also eines von vielen in bester Lage. 1944 wurde das Gebäude bei dem Luftangriff auf Kaiserslautern total zerstört und später die Trümmer abgerissen. Auf diesem Grundstück wurde 1954/55 das Großkaufhaus Hansa errichtet und unter dem Namen Hertie bis 1997 weiterbetrieben. Seit 1998 ist das Kaufhaus Peek & Cloppenburg an diesem Platz.

Geschäftshaus Fackelstraße 1, 1938, ©Stadtarchiv Kaiserslautern

                                                     

Der FCK und Erich Artur Weiler

Während seine Eltern das Kurzwarengeschäft führten, entwickelt sich Erich Artur Weiler zu einem talentierten Jugendfußballspieler. Die Verbindung zum Verein muss für ihn sehr prägend gewesen sein. Als Spieler und bester Freund von Fritz Walter verbringt Erich Artur Weiler seine Jugendzeit in Kaiserslautern und man kannte sich gut. Nach der Schule ging er in die Kaufmannslehre – nun schon als Jugend-Torwart im Fußball-Verein-Kaiserslautern. Fußball spielte im Leben Erich Artur Weilers eine zentrale Rolle. Die Freundschaft zu Fritz Walter bleibt sein ganzes Leben bestehen. Im Hinterhof des Hauses Fackelstraße 1 war genügend Platz zum Fußballspielen. Der Fußballverein Kaiserslautern (FV Kaiserslautern) war 1929 aus der Vereinsfusion des FV Kaiserslautern und dem Sportverein Phönix entstanden. Die beiden Vereine werden 1931 zum 1. FCK umbenannt. Die Fußball-Tradition in Kaiserslautern ist also seit langem bekannt.

Das Fußballspielen von Erich Weiler führte zu Diskussionen in der Familie: der sogenannte „Deutsche Gruß“ sollte nun auch auf dem Betzenberg eingeführt werden. Seit Sommer 1933 hatten die Nationalsozialisten den „Hitler-Gruß“ eingeführt. Dieser reichte in alle Lebensbereiche. Die Spieler sollten vor dem Spiel schweigend den inszenierten „Deutschen Gruß“ – und das dreifache „Sieg-Heil“ nach dem Spiel ausführen. In den amtlichen Bekanntmachungen des Vereins war dies ab sofort verpflichtend. Wer in Sportvereinen den „Deutschen Gruß“ verweigerte, konnte ausgeschlossen werden.

Jenny Weiler und Erich Artur Weiler ©Privat: Orna Marhöfer

Antisemitische Stimmung und Flucht

Viele jüdische Familien flohen nach der Machtergreifung aus Deutschland vor allem wegen der zunehmenden Verfolgung und Entrechtung im Zuge der nationalsozialistischen Herrschaft. Neben den USA und Südamerika, war auch Palästina ein Auswanderungsziel.

Mit der Ernennung von Adolf Hitler zum Reichskanzler begann die systematische Ausgrenzung jüdischer Menschen: Boykott der jüdischen Geschäfte, der Ausschluss aus Berufen und die gesellschaftliche Diskriminierung. Mit den Nürnberger Gesetzen wurden jüdischen Menschen die wesentlichen Bürgerrechte schließlich entzogen. Sie galten rechtlich nicht mehr als gleichberechtigte Staatsbürger. Viele verloren ihre Arbeit und mussten ihre Unternehmen weit unter Wert verkaufen. Die wirtschaftliche Existenz war damit zerstört. 

Palästina als Ziel?

Palästina – damals unter britischem Mandat – wurde für viele verfolgte jüdische Menschen zu einem möglichen Ziel. Seit dem späten 19. Jahrhundert gab es bereits dort jüdische Gemeinschaften. Die zionistische Bewegung förderte eine Ansiedlung in Palästina. Allerdings begrenzte die britische Mandatsregierung die Einwanderung zeitweise stark. Für jüdische Familien war eine Auswanderung nach Palästina selten eine politische Entscheidung – häufig war sie schlicht eine Reaktion auf existenzielle Bedrohung, dem Verlust von Rechten, wirtschaftliche Vernichtung und die Angst vor weiterer Gewalt.

Jenny Weiler und Friedrich Weiler – Schiffspassage Februar 1936 nach Palästina mit der HMS Galiea von Triest nach Jaffa-Tel Aviv. © Privat Orna Marhöfer

 

In Palästina

Die Weitsichtigkeit von Jenny Weiler, Deutschland zu verlassen, war sicherlich eine sehr schwierige und weitreichende Entscheidung. Nachdem Erich Artur Weiler in die Niederlande – zum Aufenthalt in einem Haschara-Ausbildungsbetrieb der Chaluz-Bewegung – übergangsweise geschickt worden war, konnte die gesamte Familie über Saarbrücken und Basel im Januar/Februar 1936 in das italienische Triest ausreisen. Die Ausschiffung erfolgte am 3. Februar 1936.

In Tel Aviv arbeitete Erich Artur Weiler als Fotograf. Hier lernte er die polnische Emigrantin Selma Weidinger kennen. Sie heirateten 1945 und 1953 kam Tochter Orna zur Welt.

Die Rückkehr nach Kaiserslautern

Eine Postkarte an Fritz Walter in Kaiserslautern nach dem 2. Weltkrieg ist der Beginn einer noch intensiveren Freundschaft. Die Karte wird in Fritz Walters Lotto- und Toto-Annahmestelle in der Beethovenstraße zugestellt. Die Verbindung zu den alten Sportkameraden hatte die Zeit überstanden. Die Fußball-Weltmeisterschaft 1954 hatte ein großes Zugehörigkeitsgefühl entstehen lassen und die früheren sportlichen Kontakte waren nützlich.

Nach 22 Jahren, im Februar 1957, kehrt die gesamte Familie Weiler zurück nach Kaiserslautern. Es wird berichtet, dass Fritz Walter der Familie in vielen Belangen bei der Rückkehr behilflich war: so hatte er den Weilers beispielsweise eine Wohnung im Haus von Werner Liebrich in der Eisenbahnstraße 48 vermittelt. Im gleichen Haus wohnte Fritz Stumpf, Geschäftsführer des 1. FCK in der NS-Zeit und der Weltmeister Werner Liebrich.

Die Einweihung der neuen Synagoge in Kaiserslautern

Die Einweihung der neuen Synagoge in der Basteigasse 4 am 24.09.1965 in Kaiserslautern war ein Höhepunkt. Die Gemeinderäume in einem ehemaligen Wohnhaus in der Innenstadt waren schlicht zu klein geworden und die Jüdische Gemeinde benötigte nun dringend mehr Platz. Für die Gestaltung und Einrichtung des neuen Gemeindehauses waren Selma und Erich Artur Weiler verantwortlich, so die Erinnerungen der Tochter Orna. Die Einweihung war ein Festtag für die ganze Stadt. In einem offenen Fahrzeug wurden die Thora-Rollen in die Basteigasse überführt. Eine Chuppa war zur Begrüßung vor dem Gemeindehaus aufgebaut. Gebete und Brachot segneten die Thora-Rollen beim Eintreffen am neuen Ort. Für Erich Artur Weiler war es eine große Erfüllung, dass Steine der zerstörten Kaiserslauterer Synagoge, in der er 1928 seine Bar Mitzwa gefeiert hatte, einen neuen Platz im neuen Gemeindehaus finden konnten.

Fritz Weiler 1965 Eröffnung der Synagoge. ©Stadtarchiv Kaiserslautern
Erich Artur Weiler – Unter der Chuppa links 1965 Einweihung Synagoge ©Stadtarchiv Kaiserslautern
Frauen der Gemeinde mit Selma Weiler (2. von rechts) 1965 Einweihung Synagoge. ©Stadtarchiv Kaiserslautern

Das Leben in einer Realität nach Auschwitz ist für die folgende jüdische Generation das Aufwachsen mit einem Trauma in einer Gemeinschaft von Überlebenden. Oft wurde über das Erlebte in den Familien nicht gesprochen. Man wollte wohl den Jüngeren keine Last auferlegen und versuchte sich auf Gegenwart und Zukunft zu konzentrieren. In einer Umgebung in der das „Große Schweigen“ in den Familien der Täter und Mitläufer üblich war, muss es besonders bedeutsam sein, ein jüdisches Zeichen zu setzen. Wahrscheinlich erahnte diese Generation, wie wichtig es ist, dass wieder neues Jüdisches Leben in Deutschland aufgebaut werden müsse. Dies gehört zu unserem jetzigen Deutschland und die Erinnerung an das Unrecht, an die Verfolgung und an die Shoah darf niemals vergessen werden.

Fritz Weiler stirbt am 03.10.1967 in Kaiserslautern. Seine Frau, Jenny Weiler am 29. Juni 1969 ebenso in Kaiserslautern. Beide sind auf dem Jüdischen Friedhof in Kaiserslautern bestattet. Erich Artur Weiler stirbt am 17.09.1995 und ist auf dem jüdischen Friedhof in Mannheim beerdigt.

Mit Fritz, Jenny und Erich Artur Weiler endet die Geschichte dieser Familie nicht. Sie steht stellvertretend für sehr viele jüdische Familien aus Kaiserslautern, deren Leben durch Verfolgung, Flucht und den Holocaust tief geprägt wurde. Sie erinnert auch daran, dass das jüdische Leben nach 1945 wieder Teil unserer Stadt wurde. Die Erinnerung an die Opfer und auch an den Neuanfang bleibt eine gemeinsame Verantwortung.

©150 Jahre Jüdischer Friedhof Kaiserslautern. Kaiserslautern 2008. S.77.

.