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Am 27. Juni 2016 wurden Am Altenhof 8 fünf Stolpersteine für die Familie verlegt.
Die Tuteurs waren in Kaiserslautern eine weit verzweigte angesehene jüdische Familie, deren Wurzeln in Winnweiler und noch weiter zurück in Neuleiningen zu finden sind. Für Dr. Paul Tuteur, seine Frau Charlotte und die beiden Kinder Carola und Claus wurden schon 2013 Stolpersteine verlegt, wie auch für Dr. Robert Tuteur und seinen Sohn Herbert.
Bilder aus noch glücklichen Zeiten



Quelle der folgenden beiden Fotos: Gedenkseite für Ernestine Kissinger in Bad Kissingen © Elizabeth Levy
https://www.biografisches-gedenkbuch-bk.de/datenbank/38559.Datenbank.html?detID=721&page_biografischeshandbuch=34


Eva (2.v.l.) Karl-Heinz (3.v.l.) Hannah (1.v.r. unten)

Rechts Am Altenhof 8,
Fotos: Stadtarchiv Kaiserslautern
Eduard Moses Tuteur war viertes Kind und der älteste Sohn von sieben Kindern des Ehepaares Benjamin Tuteur und Ernestine, geb. Kissinger. Er war Jahrgang 1881 (20.06.1881), übernahm die Lederwarenfabrik seines Vaters Am Altenhof 8, die Gamaschen und Schäfte für Schuhe herstellte und 1930 etwa 60 Arbeiter beschäftigte. Er heiratete die 13 Jahre jüngere Mathilde Herz, genannt Tillie aus Ockenheim bei Bingen (*28.09.1894). Sie hatten vier Kinder, von denen das älteste, Bernhard Benjamin schon mit zwei Jahren 1922 starb (18.11.1920-24.01.1922). Die beiden Mädchen Hannah und Eva wurden 1922 (22.03.1922) und 1924 (03.02.1924) geboren, Karl-Heinz 1926 (09.10.1926).

Es ging ihnen gut. Die Tochter Eva erinnert sich, dass sie ein Hausmädchen, eine Köchin und ein Kindermädchen „Dedda“ hatten, das sie innig liebten. Allerdings berichtet sie auch, dass ihre Mutter kränklich und oft müde war. Der Kontakt zur weit verzweigten Familie war gut, denn die Kinder wurden auch mal in den Ferien zu Verwandten z.B. in Frankfurt geschickt.
Die Großmutter scheint in der Familie eine wichtige Rolle gespielt zu haben. Die Kinder berichten von Einladungen zu Kaffee und Kuchen bei ihr an den Wochenenden.
Im Jahresbericht 1938/39 der Oberrealschule, dem heutigen Hohenstaufen-Gymnasium, wird Karl-Heinz Tuteur unter den Schülern genannt, die während des Schuljahres ausgeschieden sind. Er war 12 Jahre alt und besuchte die Klasse 2a (Klaßleiter Studienassessor Müller).
1938 war für die Familie das Schicksalsjahr. Wie einige andere Jugendliche aus dem Kreis von jüdischen Jugendbewegungen ging ihre älteste Tochter Hannah, damals gerade 16 Jahre alt, am 02.05.1938 nach Spreenhagen in der Mark Brandenburg, wo sie im Lehrgut Schocken, Gut Winkel, einer sogenannten Hachscharah-Ausbildungsstätte, arbeitete und Hebräisch lernte, um auf eine Ausreise nach Palästina und die Arbeit in einem Kibbuz vorbereitet zu werden. Am 23.01.1939 wird ihr vom Landratsamt Beeskow ein Pass ausgestellt, am 03.03.1939 erreicht sie Haifa mit einem Studentenzertifikat BIII.
Die Wohnung der Tuteurs wurde in der Pogromnacht 1938 zerstört, so dass sie ab dem 14.12.1938 in der Schlageterstraße 17 wohnten. Eduard Moses und Mathilde Tuteur ziehen mit Eva und Karl Heinz am 24.02.1939 nach Mannheim, wo sie bei der Schwester Eduards, Clara Lehmann und ihrem Mann Salomon, Unterschlupf finden. Dort lebt seit Dezember 1938 auch schon die Großmutter Ernestine Tuteur geb. Kissinger. Sie stirbt im Jahr darauf am 31.01.1940 im hohen Alter von 89 Jahren in Mannheim. So muss sie den Abtransport der jüdischen BürgerInnen nach Gurs nicht mehr erleben.
Im Juni 1939 (Spuren im Vest: 26.07.1939) schicken sie die zweite Tochter Eva nach Schweden. Sie ist 15 Jahre alt.
Der jüngste Sohn Karl-Heinz ist ihnen mit seinen 13 Jahren entweder noch zu jung, um ihn in die Fremde zu schicken oder sie bekommen keine Ausreisegenehmigung für ihn mehr. So versuchen sie, wie so viele andere Juden, in der Anonymität der Großstadt Mannheim unauffällig zu leben. Doch auch sie werden am 22. Oktober 1940 aufgefordert, sich mit dem, was sie tragen können, am Bahnhof einzufinden und werden mit den anderen jüdischen BürgerInnen aus der Pfalz und Baden nach Gurs ganz im Südwesten Frankreichs abtransportiert. Die Gauleiter Bürckel und Wagner wollen ihre Gaue „judenfrei“ haben.
Die Lebensbedingungen in Gurs sind katastrophal; es ist später Herbst, es regnet und das Lager verwandelt sich in eine Wüste aus Schlamm mit unhaltbaren hygienischen Bedingungen, Krankheiten, dürftiger Verpflegung und Ratten. 60-80 Menschen, nach Frauen und Männern getrennt, leben in einer Baracke.
Bei ihrer Deportation ist Eduard 59 Jahr alt, Tillie 46 und Karl-Heinz 14 Jahre alt. Auch Eduards Schwester Clara und ihr Mann Salomon Lehmann, bei denen die Familie im Quadrat L13,15 in Mannheim Unterschlupf gefunden hatte, sind dabei. Für die Erwachsenen gibt es kein Entrinnen mehr. Sie werden zunächst Anfang 1941 nach Rivesaltes verlegt und kommen am 23.08.1942 in das Sammellager Drancy, von hier werden sie drei Tage später am 26.08.1942 nach Auschwitz gebracht und dort verlieren sich ihre Spuren. Ihre letzte Zugfahrt, der Transport 24 mit der Zugnummer 901-19, bringt sie noch einmal ganz in die Nähe ihrer Heimat. Saarbrücken, Homburg und Frankfurt werden auf der Route genannt.
Mit Weitsicht hatten die Eltern alles versucht, ihre drei Kinder zu retten.
Die älteste Tochter Hannah kam über das Hachscharah-Ausbildungsstätte in Spreenhagen nach Palästina.Von 1933 bis 1941 erreichten etwa 55 000 deutsche Juden Palästina auf diesem Wege.


Das war ihr Glück, denn so konnte sie überleben. Hannah lebte und arbeitete in einem Kibbuz. Sie heiratete dort gleich nach dem Krieg den Kibbuznik Ernst Loszinsky, genannt Loki, der auch aus Deutschland stammte, aus Frankenwinheim in Unterfranken (23.04.1918-13.07.2004), und bekam mit ihm drei Kinder Ronny (1946-1981), Yoav (*16.07.1950) und Michal (*01.05.1953). Hannah verstarb am 22. November 2002 in Israel.
Auch für die zweite Tochter Eva konnten sie die Flucht ins Ausland organisieren, und zwar nach Schweden, wo Gerda Tuteur, die Tochter eines Cousins, als Lehrerin in einer Schule arbeitete. Später erzählte die damals 15-Jährige, dass dort hauptsächlich deutsch-jüdische Jugendliche aus Berlin unterrichtet wurden und sie wegen ihres pfälzischen Akzents gehänselt wurde. Den legte sie bald ab und so wusste niemand, woher in Deutschland sie kam, sagte sie später. Allerdings wurde die Schule im Jahr darauf geschlossen, weil den Eltern nicht mehr erlaubt wurde, das Schulgeld zu schicken. Eva wurde nach eigenen Angaben „wie ein Paket hin und her geschickt“, in eine neue Schule, die von der jüdischen Gemeinde bezahlt wurde, in eine Einrichtung in Helsinggården, wo jüdische Jugendliche darauf vorbereitet wurden, nach Palästina auszuwandern, dann als Kindermädchen in eine Familie und schließlich in eine Ausbildung zur Erzieherin. Immer kümmerten sich jüdische Organisationen um sie.

Rechts: Otto Schwarz,
Fotos: Michael Tuteur
Mit 20 Jahren heiratete sie 1944 ihren Mann Otto Schwarz (01.03.1921 – 17.03.2007), der aus Wiesbaden nach Schweden geflüchtet war. Das Ehepaar bekam drei Kinder: Stefan Ilan (*20.10.1946), Helen (*14.01.1949), Mikael (*03.01.1962). Sie lebten bis zu ihrem Tod in Stockholm: Hannah starb an Krebs am 20. August 2005, Otto starb am 17.03.2007.
So wurde auch die zweite Tochter gerettet, doch um den Preis, dass sie als 15-Jährige in die Fremde geschickt wurde. Sie selbst sagte über das Kriegsende 1945: „ Als der Friede kam und ganz Stockholm feierte, saßen mein Mann und ich in unserer kleinen Wohnung und betrauerten unsere Familien. Er wie ich hatten zu viel verloren, unsere Eltern und fast alle Verwandten waren ermordet. Ich denke oft, was wäre gewesen, wenn es Hitler und den Krieg nie gegeben hätte.“
Das dritte Kind Karl-Heinz musste die Deportation nach Gurs miterleben. Die Familie wurde im März 1941 von Gurs nach Rivesaltes verlegt.
Inzwischen bemühten sich viele Hilfsorganisationen wie die OSE (Œuvre de Secours aux Enfants), das Rote Kreuz und christliche Gemeinschaften wie die Quäker um die jüdischen Kinder und eröffneten Heime zu deren Unterbringung. So wurde im Februar 1942 auch ein ehemaliges Hotel im Ort Le Chambon-sur-Lignon zum Heim „La Maison des Roches“, in dem Karl Heinz Tuteur einen Platz fand.

Am 16. Dezember 1942 gelang es Karl Heinz Tuteur, über die Grenze in die Schweiz zu kommen. Wo er hier zuerst unterkam, ist nicht bekannt. Im Februar 1943 wurde in Genf das Haus „Les Murailles“ eröffnet, in dem Karl Heinz Tuteur einen Platz gefunden hat. Ein Foto von 1945 zeigt ihn mit weiteren Jugendlichen von „Les Murailles“.

Mit seinem Schweizer Identitätsausweis vom 10. Januar 1945 konnte Karl Heinz Tuteur nach Palästina ausreisen, wo er am 20. Juni 1945 mit einem Arbeiterzertifikat C/LS in Haifa eintraf.



1947 heiratete er die aus Breslau stammende Bärbel Tischler (04.04.1926 – 26.09.2016) und hatte mit ihr drei Kinder. Reuven (05.10.1948 – 27.11.1968), Ehud (Udi) (*15.04.1952) und Ofra (*11.01.1959).
Er hebräisierte seinen Namen in Yehuda Tamir und lebte und arbeitete in einem Kibbuz. Er starb am 14. Juni 2004 und seine Frau Bracha (Bärbel) am 26.09.2016.
Das Schicksal der Familie Tuteur in der Shoa

(Von links nach rechts)
1. Richard überlebte mit seiner ganzen Familie durch Auswanderung in die USA 1936.
2. Clara wurde mit ihrem Mann Salomon 1942 in Auschwitz ermordet.
3. Emma starb schon 1937 an einer Krankheit, doch ihr Mann und ihre Tochter wurden 1942 ermordet.
4. Anna überlebte bei ihrem Sohn Emil in Südafrika.
5. Eduard Moses wurde mit seiner Frau Mathilde 1942 in Auschwitz ermordet.
6. Der jüngste Sohn (nicht auf dem Bild) Ludwig wurde mit seiner Frau Lisa und den beiden Kindern Hans (10) und Erich (6) in Polen ermordet.
Genaueres erschließt sich, wenn man den Stammbaum betrachtet:


Die Großeltern:
Benjamin Tuteur starb bereits 1916 in Kaiserslautern im Alter von 71 Jahren. Ernestine Tuteur lebte lange als Witwe in Kaiserslautern, zeitweise auch zusammen mit ihrer Tochter Anna, deren Mann David Becker am 13.07.1929 verstorben war und die das Schuhgeschäft in der Adolf-Hitler-Straße (Eisenbahnstraße) 60 weiterführte. Nach der Pogromnacht zog Ernestine zu ihrer Tochter Clara Lehmann und deren Mann Salomon nach Mannheim, wo sie am 27.01.1940 verstarb. So erlebte sie die Deportation aus Baden und der Pfalz nicht.
Die Eltern:
Von den sieben Nachkommen von Benjamin und Ernestine Tuteur war das erste Kind Ida bereits nach zwei Tagen im Februar 1922 verstorben. So zog das Ehepaar sechs Kinder groß. Aber auch die Tochter Emma starb bereits 1937 im Alter von 52 Jahren in Worms. Von den verbleibenden fünf Kindern wurden die Tochter Clara mit ihrem Mann Solomon Lehmann und der Sohn Moses Eduard mit Frau Mathilde über Gurs nach Drancy interniert, von wo sie am 17. bzw. 26. August 1942 nach Auschwitz deportiert wurden. Der Schwager Arthur Mayer, Ehemann von Emma, starb 1942 in Theresienstadt, deren Tochter Liesel wurde nach Piaski deportiert. Dieses Schicksal erlitten auch der jüngste Sohn von Benjamin und Ernestine Tuteur, Ludwig Tuteur mit Ehefrau Lisa und den Kindern Hans Benjamin und Erich Simon, sie wurden mit insgesamt 190 Menschen aus Worms am 19.03.1942 nach Darmstadt gebracht, von dort ging der Deportationszug am 24.03.1942 nach Piaski in Polen. Ludwig Tuteur wurde am 30.09.1942 in Majdanek ermordet.
Der verwitweten Tochter Anna mit ihrem Sohn Emil gelang es, nach Südafrika auszuwandern, ihr anderer Sohn Alfred emigrierte nach USA. Richard Tuteur mit seiner Frau Lotte verließen Deutschland schon 1936 mit den Kindern Annemarie, Franz-Benjamin und Wolfgang in die USA.
Von den sechs Kindern, die das Erwachsenenalter erreicht hatten, überlebten zwei durch rechtzeitige Emigration, drei fielen dem Holocaust zum Opfer und im Falle der 1937 schon gestorbenen Emma wurde ihr Ehemann Arthur Mayer samt Tochter ermordet.
Die Kinder:
Es ist berührend zu sehen, wie die Eltern versuchten, ihre Kinder ins Ausland zu retten. Sie wurden als Jugendliche in die Fremde geschickt. Von der Kindergeneration überlebten die etwas älteren Kinder von Eduard Tuteur und Emma Mayer durch Emigration nach Palästina und Schweden, die Kinder von Ludwig wurden 1942 mit 10 und 6 Jahren umgebracht. Wenn den Eltern die Emigration nach USA gelang wie bei Richard Tuteur, waren alle gerettet. Die schon erwachsenen Kinder von Anna Becker überlebten auch durch rechtzeitige Emigration. Emil Becker nahm seine Mutter Anna zu sich nach Südafrika.
Die überlebenden Kinder folgten insofern einem typischen Muster, als sie früh heirateten und Ehepartner fanden, die auch aus Deutschland stammten und ein ähnliches Schicksal wie sie erlitten hatten. Fast alle haben weitere Nachkommen.
Quellen:
Michael Tuteur, Tuteur Family History, 3rd edition, Sharon, Massachusetts, 2014
Roland Paul, Die nach Gurs deportierten pfälzischen Juden, Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde Kaiserslautern 2011 (als CD)
Roland Paul, „Es war nie Auswanderung, immer nur Flucht.“ Zur Emigration der Juden aus der Pfalz im Dritten Reich, in: Juden in der Provinz, Beiträge zur Geschichte der Juden in der Pfalz zwischen Emanzipation und Vernichtung, Hrsg. Alfred Hans Kuby, S. 147-176
Oskar Althausen im Gespräch mit Wilhelm Kreuz, Den Holocaust auf abenteuerliche Weise überlebt, in: Juden in der Provinz, Beiträge zur Geschichte der Juden in der Pfalz zwischen Emanzipation und Vernichtung, Hrsg. Alfred Hans Kuby, S. 177-194
Margot und Hannelore Wicki-Schwarzschild, Als Kinder Auschwitz entkommen, Hg. Erhard Roy Wiehn, Hartung-Gorre Verlag Konstanz 2011
Stadtarchiv Kaiserslautern, Meldekarten der Familie Eduard Tuteur, Bilder und Lageplan Am Altenhof 8
Gedenkseite für Ernestine Kissinger in Bad Kissingen
https://www.biografisches-gedenkbuch-bk.de/datenbank/38559.Datenbank.html?detID=721&page_biografischeshandbuch=34
Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer
Spuren im Vest mit Bericht über Hanna Tuteur und ihre Familie: https://spurenimvest.de/2024/12/01/tuteur-hannah/
Informationen zur Familie aus Worms: http://www.wormserjuden.de/Biographien/Mayer-V.html
Die Kinderbilder stammen meist aus: https://www.badkissingen.de/media/www.badkissingen.de/org/med_34153/156104_7_11_die_kissinger_linie_der_familie_kissinger_chronik_jued_lebens_in_kg_beck_9-24.pdf.pdf
zur Deportation von Worms nach Piaski: https://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_hhn_420324.html , dort zitiert: [LA Speyer, X5/Negativ 113; YVA O.8/16]
Bericht über Rettung von Kindern im Stadtarchiv Karlsruhe: https://stadtgeschichte.karlsruhe.de/stadtarchiv/blick-in-die-geschichte/ausgaben/blick-128/lager-gurs
